Am 24. März ist Welttuberkulosetag 2026 und die Bilanz ist ernüchternd. Tuberkulose klingt nach Vergangenheit. Nach einer Krankheit aus dem 19. Jahrhundert, die Dichter und Maler in europäischen Salons dahinraffte. Das war sie auch. Aber was die meisten Menschen nicht wissen: Tuberkulose ist heute noch immer die tödlichste Infektionskrankheit der Welt. Nicht HIV. Nicht Malaria. Nicht COVID. 2024 starben schätzungsweise 1,23 Millionen Menschen an TB. Etwa 10,7 Millionen erkrankten. Und es wurden 8,3 Millionen Neudiagnosen registriert – ein Rekord, der laut WHO vor allem auf verbesserte Screening-Programme nach den pandemiebedingten Rückschlägen zurückzuführen ist.
Bei einer Krankheit dieser Dimension würde man ein modernes Arsenal an Impfstoffen erwarten, flächendeckende Schnelldiagnostik, eine globale Antwort auf dem Niveau der COVID-19-Bekämpfung. Stattdessen ist der einzige verfügbare TB-Impfstoff, BCG, über 100 Jahre alt. Er wurde 1921 entwickelt. Er schützt Säuglinge vor den schwersten Verlaufsformen, bietet aber Jugendlichen und Erwachsenen keinen ausreichenden Schutz gegen die Lungentuberkulose, die die Übertragung antreibt. Seit einem vollen Jahrhundert impfen wir Babys, während die Krankheit unter denen, die sie weitergeben, ungehindert zirkuliert.
Das ist kein rein wissenschaftliches Problem, sondern ein politisches und finanzielles Versagen.
Warum gibt es seit einem Jahrhundert keinen neuen Impfstoff?
TB wird über die Luft übertragen. Man kann sich im Bus anstecken, im Wartezimmer eines Krankenhauses, in einer überfüllten Schule. Die Erreger verbreiten sich durch Husten oder Niesen, und es braucht keinen langen Kontakt für eine Infektion. Einmal im Körper, versteckt sich Mycobacterium tuberculosis ausgerechnet in den Immunzellen, die es eigentlich zerstören sollen. Es kann jahrzehntelang im Körper ruhen und dann wieder aktiv werden. Etwa ein Viertel der Weltbevölkerung trägt die TB-Infektion in sich, die meisten ohne es zu wissen. Menschen mit HIV erkranken 16-mal häufiger an aktiver TB. Tuberkulose ist die häufigste Todesursache bei Aidskranken. Und wenn die Krankheit ausbricht, dauert die Behandlung mindestens vier bis sechs Monate mit mehreren Medikamenten gleichzeitig. Bei resistenten Erregern können es bis zu zwei Jahre sein, mit Medikamenten, die schwere Nebenwirkungen haben. Das ist keine harmlose Erkrankung. TB zerstört Lungen, Existenzen und Familien.
Warum also fehlt nach all dem ein moderner Impfstoff? Die Biologie ist ein Teil der Antwort. Mycobacterium tuberculosis hat sich über Zehntausende von Jahren gemeinsam mit dem Menschen entwickelt. Der Erreger ist außergewöhnlich gut darin, das Immunsystem zu umgehen, und die Wissenschaft versteht bis heute nicht vollständig, welche Art von Immunantwort dauerhaften Schutz bieten würde.

Aber die Biologie erklärt die Verzögerung nicht allein. Der tiefere Grund ist strukturell. Als Antibiotika und bessere Lebensbedingungen die Tuberkulose ab der Mitte des 20. Jahrhunderts aus den wohlhabenden Ländern verdrängten, versiegten die Forschungsmittel. TB wurde zur Krankheit der Armut, der beengten Wohnverhältnisse, der Länder mit schwachen Gesundheitssystemen. Die Pharmaindustrie sah keinen profitablen Markt. Die globalen Gesundheitsausgaben für TB-Forschung blieben über Jahrzehnte ein Bruchteil dessen, was HIV und Malaria erhielten. Die Welt schaute weg, weil die Sterbenden nicht mehr in London, Berlin oder New York lagen. Und je länger wirksame Impfstoffe auf sich warten ließen, desto mehr resistente Stämme entstanden. Multiresistente Tuberkulose (MDR-TB) ist heute eine wachsende globale Krise. Die Behandlung dauert länger, ist giftiger und um ein Vielfaches teurer als die Standardtherapie.
Endlich bewegt sich etwas
Pünktlich zum Welttuberkulosetag 2026 gibt es erstmals seit einem Jahrhundert neue TB-Impfstoffe in der letzten Phase klinischer Prüfungen. Mehrere Kandidaten werden in großangelegten Studien getestet, und die bisherigen Ergebnisse waren vielversprechend genug, dass sich das globale Gesundheitssystem bereits auf die Zeit nach der Zulassung vorbereitet.
Die Impfallianz Gavi hat Mitte 2024 Tuberkulose in ihre Impfstoff-Investitionsstrategie aufgenommen. Das ist bedeutsam, weil Gavi die Organisation ist, die Impfstoffe von der Fabrik in die Kliniken der am stärksten betroffenen Länder bringt. Die prognostizierte Nachfrage könnte in den ersten Jahren bei bis zu 120 Millionen Impfungen pro Jahr liegen. Gavi sichert die Finanzierung und sendet ein klares Signal an die Hersteller: Beginnt mit der Produktion. Der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria baut die andere Hälfte auf: die Gesundheitssysteme vor Ort, die diese Impfstoffe tatsächlich verabreichen werden. Eine Organisation finanziert das Angebot. Die andere stärkt die Infrastruktur. Beide sind notwendig, und beide hängen davon ab, dass Geberländer ihren Beitrag leisten.
Was das mit Deutschland zu tun hat
Die meisten Menschen in Deutschland denken nicht an Tuberkulose. Aber TB ist nicht aus Deutschland verschwunden. 2024 registrierte das Robert Koch-Institut 4.391 Neuerkrankungen und 104 Todesfälle. Die Zahlen sind im globalen Vergleich klein, aber sie sind nicht null. Der Welttuberkulosetag 2026 ist ein Anlass, auch diese Zahlen ernst zu nehmen.
Wichtiger noch: Deutschland gehört zu den größten Geldgebern der globalen Infrastruktur, die TB weltweit in Schach hält. Für den Globalen Fonds stellte Deutschland bei der 6. Wiederauffüllung 2019 eine Milliarde Euro bereit, steigerte den Beitrag bei der 7. Wiederauffüllung 2022 auf 1,3 Milliarden Euro und ging bei der 8. Wiederauffüllung wieder auf eine Milliarde Euro zurück. Für Gavi blieb der deutsche Beitrag bei den Wiederauffüllungsrunden 5.0 und 6.0 konstant bei 600 Millionen Euro.
Über die multilaterale Finanzierung hinaus unterstützt die deutsche bilaterale Entwicklungszusammenarbeit über das BMZ nationale TB-Kontrollprogramme in Ländern mit hohen Raten an medikamentenresistenter Tuberkulose. Deutsche Labore haben in Partnerländern nationale Referenzlabore mit aufgebaut und ihnen die Fähigkeit gegeben, Resistenzen eigenständig zu diagnostizieren. Diese Arbeit ist konkret, gezielt und rettet unmittelbar Leben.
Aber der Trend zählt. Ausgerechnet in dem Moment, in dem neue Impfstoffe näher sind als seit einem Jahrhundert, stagniert die globale TB-Finanzierung. Die Vereinigten Staaten, der größte einzelne Geldgeber für globale Gesundheit, kündigen Kürzungen an. Wenn gleichzeitig Deutschlands eigene Beiträge gegenüber dem Höchststand von 2022 sinken, stellt sich eine Frage, die sich nicht mehr umgehen lässt: Wer füllt die Lücke?
Ein weiteres Jahrhundert des Wartens können wir uns nicht leisten. Die Welt hat eine 100-jährige Impflücke toleriert, weil Tuberkulose als Problem anderer Leute behandelt wurde. Jetzt liefert die Wissenschaft endlich Ergebnisse, und Modellrechnungen zeigen, dass wirksame TB-Impfstoffe bis 2050 weltweit einen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Nutzen von bis zu 474 Milliarden US-Dollar bringen könnten. Doch ausgerechnet jetzt kürzt Deutschland seinen Beitrag zum Globalen Fonds, der auch die TB-Bekämpfung finanziert, um 35 Prozent. Die Folgen dieser und weiterer Kürzungen hat ONE in einer aktuellen Analyse beziffert. Wer bei globaler Gesundheit spart, spart nicht. Er zahlt drauf.
Die Position von ONE ist klar: Deutschland und andere Geberländer müssen sich zu einer beständigen, verlässlichen Finanzierung der multilateralen Institutionen bekennen, die globale Gesundheit möglich machen. Das bedeutet starke Beiträge zum Globalen Fonds und zu Gavi beizubehalten, nicht sie ausgerechnet dann zu kürzen, wenn sie am dringendsten gebraucht werden. Das sind keine abstrakten Haushaltsposten. Sie entscheiden darüber, ob ein neuer TB-Impfstoff eine Klinik in Lagos oder Lahore in drei Jahren erreicht oder erst in fünfzehn. Jedes Jahr Verzögerung kostet mehr als eine Million Menschenleben.
An diesem Welt-Am Welttuberkulosetag 2026, unter dem Motto„Yes! We can end TB!”, ist die Frage nicht mehr, ob wir es können. Sondern ob wir es wollen.