Deutschland verfolgt seit 2022 eine feministische Entwicklungspolitik. Auch wenn die Bundesregierung sich inzwischen von einer feministischen Außenpolitik distanziert hat, bleibt dieser Ansatz in der Entwicklungszusammenarbeit bestehen. Doch was heißt das eigentlich?
Kein Land der Welt hat bislang vollständige Geschlechtergleichstellung erreicht. Besonders in Ländern mit niedrigem Einkommen, insbesondere in vielen afrikanischen Ländern, ist die Ungleichheit weiterhin groß. Zwischen 2019 und 2022 haben fast 40% der Länder keine Fortschritte gemacht oder die Lücke hat sich sogar vergrößert. Wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen, wird die weltweite Geschlechtergleichstellung erst im 22. Jahrhundert erreicht. Feministische Entwicklungspolitik will das ändern.
Geschlechtergleichstellung, Geschlechtergerechtigkeit, feministische Ansätze: worum geht es?
Geschlechtergleichstellung: bedeutet, dass alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, gleichberechtigt Zugang zu Ressourcen, Rechten, Chancen und Einflussmöglichkeiten haben.
Geschlechtergerechtigkeit: geht über Geschlechtergleichstellung hinaus. Sie erkennt strukturelle Ungleichheiten an und zielt darauf ab, gerechte Ausgangsbedingungen und Ergebnisse für alle zu schaffen, etwa durch gezielte Fördermaßnahmen, rechtliche Anpassungen oder strukturelle Veränderungen.
Feministische Entwicklungszusammenarbeit macht genau das zum Leitprinzip. Sie verfolgt intersektionale und gendertransformative Ansätze und zielt darauf ab, diskriminierende Strukturen und Machtungleichgewichte abzubauen und langfristige gesellschaftliche Veränderungen zu ermöglichen.
Das ist kein „Label“, sondern ein politischer Ansatz, der auf Menschenrechten, Teilhabe und echter Partnerschaft basiert. Diese Politik setzt auf inklusive, gendertransformative, intersektionale und dekoloniale Ansätze. Im Kern geht es darum, Frauen, Mädchen und andere marginalisierte Gruppen zu stärken und die Strukturen zu verändern, die sie benachteiligen. Ihre Perspektiven und Bedürfnisse stehen im Zentrum der Planung, Umsetzung und Finanzierung entwicklungspolitischer Maßnahmen.
Stärkung der feministischen Zivilgesellschaft als Schlüsselstrategie
Die lokale Zivilgesellschaft in Partnerländern, von Frauenrechtsorganisationen über Jugendinitiativen bis hin zu community-basierten Gruppen, ist der Motor gesellschaftlichen Wandels. Sie weiß, was vor Ort wirklich gebraucht wird und wie Mittel entsprechend eingesetzt werden müssen, erreicht Menschen, die staatliche Strukturen oft nicht erreichen, und ist in Entscheidungsprozessen die Stimme der Menschen, die am stärksten von Armut und Ungleichheit betroffen sind.

Aber Frauenrechts- und feministische Organisationen erhalten weniger als 1% der weltweiten öffentlichen Entwicklungsgelder (2024). Gleichzeitig wissen wir: Ohne ihren Druck gäbe es zentrale internationale Abkommen zu Frauenrechten, wie die Frauenrechtskonvention CEDAW, die Pekinger Aktionsplattform oder die UN-Resolution 1325 zu Frauen, Frieden und Sicherheit nicht.
Feministische Entwicklungspolitik stärkt diese Gruppen bewusst – mit Geld, Mitsprache und langfristigen Partnerschaften. Dafür braucht es mehrjährige Finanzierung statt kurzfristiger Projekte, die mehr Wettbewerb als Wirkung schaffen, sowie flexible Mittel, die sowohl für essentielle „indirekte“ Ausgaben wie Miete oder Buchhaltungssoftware genutzt werden können, als auch auf veränderte Projektbedarfe reagieren können.
Koloniale Strukturen überwinden – Verantwortung übernehmen
Viele entwicklungspolitische Strukturen reproduzieren bis heute koloniale Machtverhältnisse: Programme, die ohne lokale Stimmen entworfen werden; Kredite, die Länder in Schulden treiben; Entscheidungen, die im Globalen Norden getroffen werden.
Feministische Entwicklungspolitik versucht, diese Machtstrukturen abzubauen und neokoloniale Dynamiken – beispielsweise in bilateralen Geber-Nehmer-Beziehungen – aufzubrechen. Sie setzt auf echte Partnerschaft, hört marginalisierten Gruppen zu und nimmt Deutschlands historische Verantwortung ernst. Das bedeutet auch: Forderungen nach Reparationen, fairen Handelsbeziehungen oder Entschuldung ernsthaft zu prüfen.
Die ugandische Aktivistin, Autorin und Medienspezialistin Rosebell Kagumire formulierte treffend:
Wir benötigen eine Politik, die sich […] um systemische Veränderung bemüht, nicht nur an Schlagwörtern aufhängt.“
ONE fordert daher gemeinsam mit seinen Aktivist*innen seit Jahren eine Neuausrichtung der Partnerschaft zwischen Europa und Afrika. Deutschland kann sich mit seinem starken Mandat in der EU maßgeblich dafür einsetzen, neue Beziehungen aufzubauen, die beiden Kontinenten zugutekommen.
Feministische Entwicklungspolitik spiegelt sich in der Ausrichtung von Finanzierungsmitteln wider
Sowohl eine ausreichende Finanzierung partnerschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit als auch die zielgerichtete Investition dieser Gelder sind essenziell. Doch Programme und Organisationen, die sich aktiv mit Geschlechtergerechtigkeit und der Stärkung der Rolle von Frauen befassen, erhalten nur einen Bruchteil der öffentlichen Entwicklungsgelder (ODA).
Der OECD DAC Gender Equality Policy Marker unterscheidet zwischen Maßnahmen, die Geschlechtergleichstellung als Hauptziel (GG2) oder als Nebenziel (GG1) verfolgen. In den Jahren 2022-2023 wurden 46% der weltweiten ODA für genderbezogene Projektea usgegeben, jedoch nur 3,9% mit Geschlechtergleichstellung als Hauptziel (GG2).
Das BMZ hat sich im Rahmen des dritten entwicklungspolitischen Aktionsplans zur Gleichstellung der Geschlechter (2023) das Ziel gesetzt, bis 2025 93% der neu zugesagten Projektmittel für gleichstellungsfördernde Projekte auszugeben (85% GG1, 8% GG2). 2024 hat das BMZ diese Ziele frühzeitig übertroffen, mit 78,3% GG1 und 13,9% GG2. Das ist ein toller Erfolg und bietet eine starke Basis, um das Ambitionsniveau weiter zu erhöhen. ONE fordert, dass mindestens 20% der Gelder in Projekte mit Geschlechtergleichstellung als Hauptziel fließen.
Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRGR) ist besonders unterfinanziert. Ihr Anteil an der ODA weltweit sank von 6,2% in 2022 auf 4,3% in 2023. Mit dem Rückzug der USA, dem bisher größten Geber für SRGR, droht ab 2025 eine dramatische Finanzierungslücke. Umso wichtiger wäre es, dass andere Geberländer wie Deutschland ihre Mittel stabil halten. Doch die Bundesregierung plant, die Finanzierung von UNFPA – der Millionen Frauen Zugang zu Verhütung, sicherer Geburtshilfe und Schutz vor Gewalt ermöglicht – bis 2026 um 33% gegenüber 2024 zu kürzen. Gerade jetzt braucht es eine stabile, langfristige deutsche Finanzierung für UNFPA und SRGR-Programme weltweit.

So entfaltet feministische Entwicklungspolitik echte Wirkung
Feministische Entwicklungspolitik heißt: Menschenrechte stärken, Machtungleichheiten abbauen und diejenigen unterstützen, die am stärksten betroffen sind. Sie ist ein realistischer, wirksamer und notwendiger Ansatz – und sie kann nur Wirkung entfalten, wenn:
- lokale feministische Organisationen echte Mitsprache und langfristige Mittel erhalten,
- koloniale Strukturen konsequent aufgebrochen werden,
- und Gleichstellung in allen Programmen und Budgets verankert ist.
Denn nur so rücken die SDGs und eine gerechtere globale Zukunft wirklich in Reichweite.