{"id":167691,"date":"2023-02-27T08:00:09","date_gmt":"2023-02-27T08:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.one.org\/de\/warum-entwicklungspolitik-und-feminismus-untrennbar-sind\/"},"modified":"2024-01-18T11:03:53","modified_gmt":"2024-01-18T11:03:53","slug":"entwicklungspolitik-feminismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.one.org\/de\/neuigkeiten\/entwicklungspolitik-feminismus\/","title":{"rendered":"Warum Entwicklungspolitik und Feminismus untrennbar sind"},"content":{"rendered":"<p>Feministische Entwicklungszusammenarbeit ist ein Politikansatz, der die Gleichberechtigung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen weltweit zur Priorit\u00e4t erkl\u00e4rt. Mit der <a href=\"https:\/\/www.bmz.de\/de\/agenda-2030\">Agenda 2030<\/a> haben sich die Vereinten Nationen das Ziel gesetzt, unter anderem diese Gleichberechtigung zu erreichen. Nun sind es nicht einmal mehr zehn Jahre bis zu dieser selbst gesetzten Deadline und wir leben in einer Welt, in der noch <a href=\"https:\/\/www.weforum.org\/reports\/global-gender-gap-report-2022\/digest\/\">kein einziges Land<\/a> Geschlechtergerechtigkeit realisiert hat. Grund daf\u00fcr sind diskriminierende Strukturen, die es zu durchbrechen gilt. Sie resultieren darin, dass Frauen und andere marginalisierte Gruppen nicht dieselben Chancen wahrnehmen k\u00f6nnen wie der Rest der Bev\u00f6lkerung. So haben weniger Frauen und M\u00e4dchen einen <a href=\"https:\/\/www.unicef.org\/education\/girls-education\">Zugang zu Bildung,<\/a> erleben \u00f6fter <a href=\"https:\/\/www.who.int\/news-room\/fact-sheets\/detail\/violence-against-women\">sexuelle oder physische Gewalt,<\/a> k\u00f6nnen weniger auf soziale Sicherungssysteme wie <a href=\"https:\/\/www.worldbank.org\/en\/publication\/globalfindex\/Data\">Finanzdienstleistungen<\/a> zur\u00fcckgreifen und sind \u00f6fter von <a href=\"https:\/\/www.careevaluations.org\/evaluation\/food-security-and-gender-equality\/\">Hunger<\/a> und Armut betroffen. In der hiermit beginnenden Blogreihe zeigen wir auf, warum Feminismus ein integraler Bestandteil der (Entwicklungs-) Politik sein muss und wie sich dieser Politikansatz explizit auch in den Bereichen <a href=\"https:\/\/www.one.org\/de\/blog\/ernaehrungssicherheit-feminismus\/\">Ern\u00e4hrungssicherheit<\/a>, globale Gesundheit und Anpassung an die Klimakrise auswirkt.<\/p>\n<h2><strong>Feminismus als Schl\u00fcssel zu globaler Gerechtigkeit<\/strong><\/h2>\n<p>Die Vereinten Nationen haben sich im Rahmen der Agenda 2030 17 Ziele f\u00fcr eine nachhaltige Entwicklung gesetzt. Die Afrikanische Union formuliert in ihrer <a href=\"https:\/\/au.int\/en\/agenda2063\/overview\">Agenda 2063<\/a> Leitlinien f\u00fcr ein, friedliches, prosperierendes und wirtschaftlich starkes Afrika. Das Erreichen von Geschlechtergerechtigkeit ist ein Kernbestandteil beider Agenden und mit anderen Zielen untrennbar verbunden. Denn weltweite Krisen wie extreme Armut, bewaffnete Konflikte, Ern\u00e4hrungsunsicherheit oder gesundheitliche Bedrohungen sind zum einen oft Resultat bestehender Ungleichheit und verst\u00e4rken diese zum anderen noch, indem sie Frauen und andere marginalisierte Gruppen am st\u00e4rksten treffen. Um eine Welt der gleichen Rechte und Chancen zu realisieren, bedarf es einer Politik, die entschieden handelt und von vornherein den Fokus auf die Bed\u00fcrfnisse und Lebensrealit\u00e4ten aller Menschen setzt. Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze hat Anfang 2022 eine <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/svenja-schulze-entwicklungshilfe-impfstoffgerechtigkeit-1.5518563\">feministische Entwicklungspolitik angek\u00fcndigt<\/a>. Wir fordern eine konsequente Umsetzung und ein Konzept, das den Menschen und seine grundlegenden Bed\u00fcrfnisse immer in den Vordergrund stellt.<\/p>\n<h2><strong>F\u00fcr eine erfolgreiche feministische Entwicklungszusammenarbeit sehen wir von ONE folgende Ma\u00dfnahmen als essentiell an:\u00a0<\/strong><\/h2>\n<h3><strong>Definition einer feministischen Entwicklungszusammenarbeit weiterdenken<\/strong><\/h3>\n<p>Dass wir heute in einer Welt leben, in der Macht und Ressourcen so ungleich verteilt sind hat eine lange Geschichte und die Kolonialzeit ist mit all ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart deutlich sp\u00fcrbar. Wir werden Zeugen von verschiedensten Formen der Diskriminierung, die auf einzelne Identit\u00e4tsmerkmale \u2013 wie Geschlecht, Herkunft, Religion oder sexuelle Orientierung \u2013 abzielen. Eine feministische Entwicklungspolitik erkennt diese Diskriminierung an und versteht, dass die einzelnen Merkmale zusammenwirken und neue, verst\u00e4rkte Formen der Diskriminierung schaffen. Diese wirken sich negativ auf die Zukunftschancen und Lebensrealit\u00e4ten der Betroffenen aus. Feministische Entwicklungspolitik erkennt au\u00dferdem globale Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnisse und systemische Ungleichheiten zwischen Globalem S\u00fcden und Globalem Norden an und setzt sich daf\u00fcr ein, sie zu \u00fcberwinden. Die deutsche Bundesregierung kann und muss einen ma\u00dfgeblichen Beitrag dazu leisten, koloniale Kontinuit\u00e4ten und Machtverh\u00e4ltnisse aufzubrechen und abzubauen. Sie muss sich zu Deutschlands kolonialer Geschichte bekennen und heute entschieden antikolonialistisch und antirassistisch handeln. Sensibilisierungstrainings in allen Ministerien, Beh\u00f6rden und sozialen Einrichtungen wie auch entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Schulen sollen als unterst\u00fctzende Ma\u00dfnahme etabliert werden.<\/p>\n<h2><strong>Geschlechtergerechtigkeit als Kernelement und Finanzierungsziel der entwicklungspolitischen Projekte definieren<\/strong><\/h2>\n<p>Deutschland hat einen gewissen Teil an Geldern, die f\u00fcr Entwicklungszusammenarbeit ausgegeben werden. Diese Gelder sind \u201c<a href=\"https:\/\/www.bmz.de\/de\/ministerium\/zahlen-fakten\/oda-zahlen\">ODA<\/a>\u201d \u2013 Official Development Assistance. Das Bundesministerium f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung muss feministische Grunds\u00e4tze ressort\u00fcbergreifend mitdenken und Geschlechtergerechtigkeit in allen finanzierten entwicklungspolitischen Projekten mindestens im Nebenziel verfolgen. 20% der Gelder sollen f\u00fcr Projekte aufgewendet werden, deren Hauptziel Geschlechtergerechtigkeit ist. \u00a0 Um Fortschritte evaluieren und aus der Praxis lernen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen die relevanten Ausgaben f\u00fcr Geschlechtergerechtigkeit sorgf\u00e4ltig und konsequent erfasst werden. Dazu soll zum einen ein Instrument der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) verwendet werden: Die Gender Marker. Mit ihnen k\u00f6nnen Staaten ihre Ausgaben f\u00fcr Entwicklungszusammenarbeit \u201clabeln\u201d und damit erkenntlich machen, ob und wie viel Geld in das Ziel Geschlechtergerechtigkeit flie\u00dft. So kann Qualit\u00e4t und Quantit\u00e4t einer feministischen Entwicklungspolitik pr\u00fcfbar gemacht werden. Au\u00dferdem haben die G7 ein Tool entwickelt das sie verwenden sollen, um ihre eigene Performance hinsichtlich Gleichberechtigung zu messen: Das G7 Gender Dashboard.<\/p>\n<h2><strong>Betroffene Menschen in den Mittelpunkt der Entscheidungen stellen<\/strong><\/h2>\n<p>ODA-Gelder sollen die bestm\u00f6gliche Wirkung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung der L\u00e4nder haben, die sie erhalten. Eine sorgf\u00e4ltige Finanzierung ist dabei ausschlaggebend: Denn oft werden nur kurzfristige Projekte gef\u00f6rdert, die schnellen Erfolg versprechen. Oft ist eine solche Finanzierung notwendig, in vielen Bereichen bedarf es allerdings langfristiger und verl\u00e4sslicher Finanzierung f\u00fcr eine nachhaltige Entwicklung. Damit Organisationen nicht um Gelder konkurrieren m\u00fcssen, muss Deutschland die Finanzierungsstrukturen so ver\u00e4ndern, dass eine langfristige und flexible Grundfinanzierung der Zivilgesellschaft des Globalen S\u00fcdens m\u00f6glich wird. Eine feministische Entwicklungszusammenarbeit verlangt au\u00dferdem, dass die Personen, die entwicklungspolitische Entscheidungen treffen, immer im Sinne der betroffenen Menschen handeln. Sie sind ihnen gegen\u00fcber rechenschaftspflichtig und erkennen ihre Bed\u00fcrfnisse, Lebensrealit\u00e4ten und die F\u00e4higkeit zur Unabh\u00e4ngigkeit an. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass lokale Expert*innen die Entscheidungsprozesse ma\u00dfgeblich leiten und in der Konzeption neuer Projekte beteiligt werden. Die deutsche Bundesregierung muss die selbstgesetzten Ziele der Afrikanischen Union, die sie in der <a href=\"https:\/\/au.int\/en\/agenda2063\/overview\">Agenda 2063<\/a> formuliert hat, unterst\u00fctzen.<\/p>\n<h2><strong>Feminismus auf alle Bereiche der Politik ausweiten<\/strong><\/h2>\n<p>Feminismus hat Auswirkungen auf alle Bereiche des Politischen. Untrennbar damit verbunden ist beispielsweise die Au\u00dfenpolitik. In einem feministischen Ansatz soll die humanit\u00e4re Hilfe verst\u00e4rkt werden ebenso wie Konfliktpr\u00e4vention und die Beteiligung von Frauen an Friedensverhandlungen. Global ist zu erkennen, dass deutlich mehr finanzielle Aufwendungen in die Realisierung \u201cmilit\u00e4rischer Sicherheit\u201d flie\u00dfen (mehr als <a href=\"https:\/\/milex.sipri.org\/sipri\">2000 Milliarden<\/a> US-Dollar im Jahr 2021) als in die Entwicklungszusammenarbeit (etwa <a href=\"https:\/\/www.oecd.org\/dac\/financing-sustainable-development\/development-finance-standards\/official-development-assistance.htm#:~:text=Official%20development%20assistance%20(ODA)%20totalled,gross%20national%20income%20(GNI\">186 Milliarden<\/a> US-Dollar im Jahr 2021). Diese Gewichtung suggeriert, dass die milit\u00e4rische L\u00f6sung von Konflikten einen deutlich gr\u00f6\u00dferen Beitrag zu Frieden und Sicherheit leistet, als Entwicklungszusammenarbeit.\u00a0<strong>Dieser Ansicht steht eine feministische Politik entschieden entgegen<\/strong>. Eine Entwicklungspolitik, die die Grundbed\u00fcrfnisse der Menschen addressiert \u2013 kein Hunger, keine Armut, Gesundheit, Zugang zu sauberem Wasser, Arbeit, soziale Sicherung \u2013 verhindert Konflikte, bevor sie \u00fcberhaupt entstehen. Dieser Ansatz erkennt die Menschenw\u00fcrde an und verspricht tats\u00e4chliche Sicherheit. F\u00fcr alle Menschen und nicht nur die des Globalen Nordens. Alle Ministerien der Bundesregierung sollen sich deswegen auf eine feministische Strategie verst\u00e4ndigen und Gleichberechtigung in allen Bereichen der Politik und der Gesellschaft realisieren. Die Bundesregierung muss sich in ihren bi- und multilateralen Beziehungen f\u00fcr kollektive und internationale feministische Handlungsweisen stark machen.<\/p>\n<div class=\"buffer\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Feministische Entwicklungszusammenarbeit ist ein Politikansatz, der die Gleichberechtigung von Frauen und anderen marginalisierten Gruppen weltweit zur Priorit\u00e4t erkl\u00e4rt. Mit der Agenda 2030 haben sich die Vereinten Nationen das Ziel gesetzt, unter anderem diese Gleichberechtigung zu erreichen. 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