Land. Wirtschaft. Nahrung. Den Teufelskreis von Hunger und Armut durchbrechen

Die Herausforderung: Der Teufelskreis von Hunger und Armut

Trotz des enormen Wachstums der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten – darunter auch in einigen der ärmsten Länder Afrikas – sind nach wie vor Millionen von Menschen im Teufelskreis von Hunger und Armut gefangen. Armut heißt, dass Eltern ihre Familien nicht ausreichend ernähren können. Das hat zur Folge, dass Kinder unter Mangelernährung leiden. Mangelernährung bewirkt irreversible Entwicklungsstörungen sowie ein kürzeres, weniger produktives Leben. Das wiederum verhindert, dass Familien aus der Armut ausbrechen können. Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen.

1,4 Milliarden Menschen – das sind 20 Prozent der Weltbevölkerung – leben von weniger als 1,25 Dollar pro Tag und damit in extremer Armut.1 Das entspricht dem Dreifachen der Gesamtbevölkerung aller Länder der Europäischen Union.

Mehr als zwei Drittel dieser extrem armen Menschen – fast 1 Milliarde – haben nicht genug zu essen.2 Hungrig zu Bett zu gehen, ist für sie bitterer Alltag. Aber Hunger ist nur ein Teil des Problems. Die Mangelernährung hat zur Folge, dass allein in diesem Jahr 178 Millionen Kinder irreversible Entwicklungsschäden davontragen, die ihre Lern- und Entwicklungsfähigkeit beeinträchtigen. Das schmälert erheblich ihre Chancen, später ein Einkommen zu erzielen, das ausreicht, sich und ihren Familien den Lebensunterhalt zu sichern. Die Weltbank schätzt, dass Menschen, die unter Mangelernährung leiden, über ihre gesamte Lebensdauer im Schnitt 10 Prozent ihres potenziellen Einkommens einbüßen. Und das hat noch weitergehende Folgen: Im selben Bericht der Weltbank heißt es, dass Mangelernährung auf nationaler Ebene das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2-3 Prozent verringert.3

Die dramatischsten Erscheinungsformen von Hunger und Armut sind Nahrungsmittelkrisen und Hungersnöte. Seit der verheerenden Hungerkatastrophe in Äthiopien in den 1980er-Jahren wurden Vorkehrungen getroffen, um die schlimmsten Folgen von Dürren und Naturkatastrophen abzumildern: Frühwarnsysteme, Sicherheitsnetzprogramme und koordinierte humanitäre Aktionen. Bislang ist es jedoch nicht gelungen, sie komplett zu verhindern. Die letztjährige Hungersnot in Somalia und die allgemeine Nahrungsmittelkrise am Horn von Afrika forderten tausende von Opfern – in der Mehrzahl Kinder. Und aktuell zieht in der westafrikanischen Sahel-Region eine neue Krise herauf. Die UN schätzt, dass mindestens 15 Millionen Menschen von ihr betroffen sein werden.4 Die Ursachen dieser Krisen sind häufig komplex – sie reichen von politischer Instabilität und schlechter Regierungsführung bis zu unvorhersehbaren Wetterentwicklungen. Dennoch bleibt es unbegreiflich, warum in diesem Zeitalter des Überflusses Mütter zusehen müssen, wie ihre Kinder dahinsterben, weil sie nicht genug zu essen haben.

Infografik

Die Chance: 30 Länder stehen in den Startlöchern

Die gute Nachricht ist, dass es eine Möglichkeit gibt, diesen Teufelskreis von Armut und Hunger zu durchbrechen. Wir wissen, was zu tun ist, um die Nahrungsmittelproduktion zu steigern, um die Einkommen der Menschen zu erhöhen, damit sie sich diese Nahrungsmittel leisten können, und um sicherzustellen, dass Kinder ausreichend ernährt werden: Investitionen in die Landwirtschaft – sowie die zugehörigen Finanz- und Infrastruktursysteme – sind eines der wirksamsten Mittel, die Armut in den Entwicklungsländern, insbesondere in Afrika, zu reduzieren. Einkommen aus Tätigkeiten in der Landwirtschaft machen auf dem Kontinent rund 30 Prozent des BIP aus. 2/3 der Afrikaner verdienen ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt mit der Landwirtschaft. Wenn sie Zugang zu Märkten erhalten, können Kleinbauern Geld verdienen, ihre Kinder zur Schule schicken und dazu beitragen, ihre Gemeinden langfristig aus der Armut zu befreien. Dieser vom Wachstum der Landwirtschaft ausgelöste ‚Multiplikatoreffekt‘ ist der Grund dafür, dass Investitionen in die Landwirtschaft einen 2- bis 4-mal stärkeren Effekt auf die Reduzierung der Armut haben, als es das Wachstum in anderen Sektoren hat.5

In vielen Gegenden der Welt wurden bereits große Fortschritte erzielt. Durch die Einführung neuer Technologien und Anbaumethoden sowie umfassende Investitionen der öffentlichen und privaten Hand in die Landwirtschaft ließ die Grüne Revolution in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die landwirtschaftlichen Erträge in die Höhe schnellen. Allein in Indien stieg die Weizenproduktion von 10 Millionen Tonnen im Jahr 1961 auf knapp 50 Millionen Tonnen im Jahr 1990 und damit auf das Fünffache.6 Diese Investitionen haben zwischen 1970 und 1990 schätzungsweise 30 Millionen Kindern in armen Ländern das Leben gerettet.7

Nicht alle Regionen der Welt profitierten jedoch im selben Maße von dieser Revolution. Während viele Länder in Asien und Lateinamerika einen Aufschwung erlebten, fehlte in Afrika diese Konzentration auf die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums. Es wurde nicht genug dafür getan, maßgeschneiderte Ansätze für die unterschiedlichen und einzigartigen Agrarökologien in Afrika zu entwickeln. Ganz im Gegenteil: Die für Investitionen in die Landwirtschaft in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara bestimmte internationale Entwicklungshilfe wurde zwischen 1988 und 2003 sogar um 72 Prozent zurückgefahren.8

Aber auch die afrikanischen Länder investierten nicht genug in ihren Agrarsektor und boten den Kleinbauern zu wenig Unterstützung. In der Summe blieben die einzelstaatlichen Ausgaben in den afrikanischen Agrarsektor mit jeweils etwa 4 Milliarden US-Dollar im Jahr 1980 und 1990 stabil. Im Vergleich dazu lagen sie in Asien schon 1980 bei über 70 Milliarden US-Dollar und stiegen 1990 sogar auf 100 Milliarden US-Dollar.9

Dies ändert sich jedoch langsam. Afrikanische Länder haben stärker die Führungsrolle übernommen und hochrangige Politiker wie der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan – gegenwärtig u. a. Vorsitzender der Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) – setzen sich verstärkt für diese Sache ein. Seit 2003 ist ein enormer Anstieg der für die Entwicklung der Landwirtschaft in Afrika aufgewendeten Mittel zu verzeichnen. Inzwischen ist man sich weitgehend einig, dass mehr Geld fließen muss. Innovative Ansätze und Forschungen auf lokaler und regionaler Ebene sollten verstärkt staatlich gefördert werden. Nur so lassen sich Lösungen finden, die den lokalen Bedingungen in Afrika Rechnung tragen.

Das Erbe der durch mangelnde Investitionen verlorenen Jahrzehnte für die afrikanische Landwirtschaft wiegt jedoch schwer und findet deutlichen Niederschlag in der Anzahl extrem Armer. In der Summe gesehen ist die Welt bezüglich der Erfüllung des ersten Teils des ersten Millenniumsziels (MDG1a) – Halbierung des Anteils von Menschen, die von weniger als 1 US-Dollar pro Tag leben – zwar auf Kurs, verdankt dies jedoch vorrangig dem bemerkenswerten Fortschritt in Asien. Über einen Zeitraum von 25 Jahren sank die Armutsrate in Ostasien von fast 60 auf weniger als 20 Prozent.10 Anders in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara: Hier fiel der Fortschritt deutlich geringer aus. Zwischen 1990 und 2005 sank die Armutsrate um gerade einmal 7 Prozent – von 58 auf 51 Prozent. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern. In Nigeria beispielsweise stieg der Anteil der in Armut lebenden Menschen zwischen 1990 und 2005 sogar um 56 Prozent. Den Kontrast dazu bilden Länder wie Kenia. Dort konnte der Anteil der extrem Armen im selben Zeitraum um 50 Prozent verringert werden.11

Trotz echter Fortschritte bei der Reduzierung der Armut in vielen Entwicklungsländern sind immer noch fast 1 Milliarde Menschen von Hunger bedroht. Die Umsetzung des dritten Teils des MDG1 – Halbierung des Anteils der Menschen, die Hunger leiden – droht komplett zu scheitern. Viele Länder hinken gewaltig hinterher. Auch schneiden die afrikanischen Länder südlich der Sahara trotz einiger Fortschritte in vielen Ländern nicht gut ab. Immerhin konnten die Hungerraten in 17 Ländern seit 2000 um 30 Prozent oder mehr gesenkt werden. Laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN waren im Zeitraum von 2006 bis 2008 etwa 217 Millionen Menschen im sub-saharischen Afrika von Unterernährung betroffen.12 Das sind 27 Prozent der Gesamtbevölkerung; gegenüber 1990 und 1992, als es noch 31 Prozent waren, ist dies ein leichter Rückgang. Dennoch zeigen diese Zahlen eindeutig, dass trotz der Fortschritte noch ein langer Weg vor uns liegt.

Untätigkeit hätte immense Folgen. Von Hunger und Mangelernährung sind Kinder unverhältnismäßig stark betroffen. Unterernährung ist mitverantwortlich für mehr als 1/3 der jährlich 7,6 Millionen Sterbefälle bei Kindern im Alter von unter 5 Jahren. Das sind mehr als 2,5 Millionen Kinder, die bei Zugang zu mehr und besserer Nahrung eine deutlich höhere Überlebenschance hätten.13

Viele der Überlebenden leiden infolge der Mangelernährung unter Entwicklungsstörungen. Das heißt, dass Körper und Gehirn irreversibel geschädigt sind. Laut neuesten Zahlen von UNICEF sind 29 Prozent der Kinder in Entwicklungsländern von Entwicklungsstörungen betroffen. In den Ländern südlich der Sahara sind es sogar 38 Prozent.14

Es ist klar, dass Maßnahmen für eine gute Ernährung von Kindern zusammen mit nachhaltigen Investitionen in die Landwirtschaft das Leben von Millionen Menschen immens verbessern können und ihnen helfen werden, sich selbst aus der Armut zu befreien.

2012 bietet die große Chance, diese Probleme anzugehen und einen Endspurt in Richtung des MDG-Zieljahres 2015 zu starten.

Ausgangspunkt für ein gemeinsames Handeln muss die Eigenverantwortung der Partnerländer sein. Im Einklang mit dem ersten Grundsatz der „Pariser Erklärung zur Wirksamkeit von Entwicklungszusammenarbeit“ wissen wir, dass die Aussichten auf Erfolg am größten sind, wenn man den Partnerländern die Führungsrolle bei der Lösung ihrer Probleme gibt und sie entsprechend unterstützt. ONE hat 30 Niedrigeinkommensländer ermittelt, in denen international anerkannte landwirtschaftliche Investitionsprogramme existieren. In diesen Ländern leben etwa 27 Prozent der 1,4 Milliarden extrem Armen sowie 90 Prozent der ärmsten Menschen im sub-saharischen Afrika. Bei vollständiger Finanzierung könnten diese 30 Investitionsprogramme innerhalb der nächsten 10 Jahre etwa 50 Millionen Menschen aus der Armut befreien.15

Von diesen 30 Ländern haben sich 18 Länder SUN (Scaling Up Nutrition) angeschlossen. Diese Initiative zielt auf die Unterstützung nationaler Programme zur Reduzierung der Mangelernährung ab. Sie vereint eine Reihe von Organisationen, darunter staatliche sowie zivilgesellschaftliche Organisationen, den Privatsektor, Forschungseinrichtungen und die Vereinten Nationen. Gemeinsam will man sicherstellen, dass diese Programme mit den benötigten finanziellen und technischen Mitteln ausgestattet werden. Die Programme sind umsetzungsreif, bedürfen aber dringend der Unterstützung und zusätzlicher Mittel.

In den 18 von ONE ermittelten SUN-Ländern leben 24 Prozent aller Kinder, bei denen Mangelernährung zu Entwicklungsstörungen geführt hat. Wenn diese Länder neben den Investitionen in die Landwirtschaft ausreichend Mittel hätten, um die von SUN unterstützten Ernährungsprogramme umzusetzen, wären nach Schätzungen von ONE 100 Millionen Kleinkinder weniger von Mangelernährung betroffen und 15 Millionen Kindern unter 5 Jahren blieben Entwicklungsstörungen erspart.
Allein in Afrika könnten sich 31 Millionen Menschen aus der Armut befreien. 12 Millionen Kinder würden ohne Entwicklungsstörungen aufwachsen. In einigen Ländern wäre die Wirkung besonders groß. Äthiopien ist beispielsweise trotz großer Fortschritte im Kampf gegen den Hunger in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder von Nahrungsmittelkrisen zurückgeworfen worden. Wenn dieses Land über ausreichend Mittel verfügte, um die Umsetzung des Investitionsplans für die Landwirtschaft forcieren zu können, könnten sich nach ONEs Schätzungen 3,1 Millionen Menschen aus der Armut befreien. Im Niger, das gegenwärtig unter Dürre und Nahrungsmittelknappheit leidet, könnten sich 2 Millionen Menschen aus der Armut befreien – das sind annähernd 13 Prozent der Bevölkerung.

Die Analysen von ONE haben jedoch eine erhebliche Finanzierungslücke ergeben. Lediglich 50 Prozent der insgesamt für die Umsetzung der landwirtschaftlichen Investitionsprogramme benötigten Mittel stehen gegenwärtig zur Verfügung. Das bedeutet eine Lücke von 27 Milliarden US-Dollar, die bis 2015 gefüllt werden muss. Die Finanzierung dieser Programme sollte von Geberländern, Regierungen der Partnerländer, dem privaten Sektor und – in einigen Fällen – nichtstaatlichen Organisationen erfolgen. ONE empfiehlt, dass die Finanzierungslücke zu gleichen Teilen von Geberländern und den Partnerländern geschlossen wird. Einen geringeren, aber dennoch wichtigen Anteil könnten der Privatsektor und NROs aufbringen.

Damit Ernährungsprogramme, die verhindern, dass 15 Millionen Kinder entwicklungsgestört aufwachsen, durchfinanziert sind, werden nach Schätzungen von ONE in den 18 ermittelten Ländern weitere 6,9 Milliarden US-Dollar benötigt. Davon sollte der private Sektor einen nicht unerheblichen Teil tragen – etwa 7 Prozent. Mit diesen Geldern könnten Nahrungsmittel mit Eisen und jodiertem Salz angereichert und verbreitet werden. Dies sind wichtige Maßnahmen zur Verhinderung eines Nährstoffmangels, die am wirksamsten vom privaten Sektor geleistet werden können.16 Die verbleibende Summe müsste zu gleichen Teilen zwischen Geber- und Empfängerländern aufgeteilt werden.

Diese kombinierten Investitionen in Landwirtschaftsprogramme und Ernährungsinterventionen könnte sich erheblich auf die Armuts- und Hungersituation auswirken. Dabei ist jedoch wichtig, dass auch Länder ohne international anerkannte Investitionsprogramme unterstützt werden. Einige dieser Länder benötigen Hilfe beim Aufbau von Kapazitäten, um eigene landwirtschaftliche Investitions- und Ernährungsprogramme auflegen zu können.

Die 30 Länder mit anerkannten Investitionsprogrammen

Beispiel für einen landeseigenen Investitionsplan: Tansania

In Tansania leben etwa 45 Millionen Menschen, 74 Prozent von ihnen auf dem Land. Obwohl die Wirtschaft seit Beginn der 1990er-Jahre konstant wächst, haben 42 Prozent der Kinder unter 5 Jahren aufgrund von Mangelernährung leichte bis schwere Entwicklungsstörungen.17

Im Juli 2010 unterzeichnete Tansania im Rahmen des Comprehensive Africa Agriculture Development Programme (CAADP) eine Vereinbarung und erarbeitete anschließend einen Agriculture and Food Security Investment Plan (TAFSIP) mit einer Laufzeit von 10 Jahren – auf Suaheli kurz: ‚Kilimo Kwanza‘ (Landwirtschaft zuerst). Ziel dieses Programms ist es, den Landwirtschaftssektor so umzugestalten, dass Wohlstand geschaffen, Armut reduziert sowie Versorgungs- und Ernährungssicherheit erreicht werden. Darüber hinaus beschäftigt sich das Programm mit der Produktivität in der Landwirtschaft, der Entwicklung des ländlichen Raums, der Nahrungsmittelversorgung und der Ernährung.
Die Regierung Tansanias schätzt, dass die Umsetzung dieses Programms im Verlauf von 10 Jahren 8,3 Milliarden US-Dollar kosten würde. 3,3 Milliarden US-Dollar davon werden in den ersten 5 Jahren benötigt. Gegenwärtig besteht eine Finanzierungslücke in Höhe von 1 Milliarde US-Dollar.

Aus der Analyse von ONE geht hervor, dass bei voller Finanzierung der ersten Phase des tansanischen Programms in den nächsten 10 Jahren weitere 2,2 Millionen Menschen aus der Armut befreit werden könnten. Das entspräche 5 Prozent der gegenwärtigen Gesamtbevölkerung.

Die Lösung: Ein Pakt für qualitative Ernährungssicherheit

Der angestrebte Wandel in den 30 genannten Ländern setzt nachhaltige Investitionen und politischen Willen voraus. Dazu müssen sich führende Politiker in Entwicklungsländern mit Partnern weltweit zusammenschließen. Um dies zu ermöglichen, müssten sich die Staats- und Regierungschef 2012 auf einen neuen Pakt für qualitative Ernährungssicherheit einigen. Wird dieser verabschiedet und mit der gebotenen Dringlichkeit umgesetzt, ließe sich die Armuts- und Hungerspirale in vielen der ärmsten Länder der Welt stoppen.

Der Vertrag umfasst 4 zentrale Elemente, die es koordiniert umzusetzen gilt:

1. Eine neue G8-Initiative zur Ernährungssicherung

Die weltweite Nahrungsmittelknappheit platzierte das Thema Ernährungssicherung zum ersten Mal seit Jahrzehnten ganz oben auf die Agenda. In der Folge vereinbarten die Staats- und Regierungschefs auf dem G8-Gipfel im Jahr 2009 im italienischen L’Aquila die „L’Aquila Food Security Initiative“. Sie sieht eine Erhöhung der Ausgaben für landwirtschaftliche Entwicklung und Ernährungssicherung vor. Dazu vereinbarte man, für entsprechende Programme über 3 Jahre 22 Milliarden US-Dollar bereitzustellen und deren Verwendung an die Einhaltung der Rom-Prinzipien für eine nachhaltige weltweite Ernährungssicherung zu knüpfen. Die finanziellen Zusagen der „L’Aquila Food Security Initiative“ laufen dieses Jahr aus.

„L’Aquila“ gab den Themen Landwirtschaft und Ernährungssicherung zwar ein größeres Gewicht auf der politischen Agenda und bewirkte auch einen Anstieg der Gesamtausgaben in diesem Sektor, war aber dennoch mit schweren Mängeln behaftet. Es fehlten einerseits verbindliche, ergebnisorientierte Ziele und andererseits eine Fokussierung auf ländereigene Pläne. Zudem waren die Zusagen unzureichend konkretisiert worden. Dies verhinderte, dass Geber rechenschaftspflichtig gemacht werden konnten.

Die Folgen waren absehbar: Der erzielte Fortschritt fällt zu gering aus. Wie ONE in seinem Bericht „Verantwortung für Landwirtschaft” im vergangenen Jahr ermittelte, wurden bis Mai 2011 nur 22 Prozent der zugesagten Mittel ausgezahlt. Was die qualitativen Ziele angeht, fallen die Leistungen der einzelnen Länder durchwachsen aus. Es bleibt zwar noch etwas Zeit; die Wahrscheinlichkeit, dass die Zusagen von mehreren Gebern vollständig erfüllt werden, dürfte jedoch gering sein. Dies zeigt auf schockierende Weise, welch geringe Priorität dem für viele der Ärmsten der Welt wichtigsten Weg zu mehr Wohlstand und Unabhängigkeit beigemessen wird.

Aber noch ist Zeit, dies zu ändern. Der für 2012 geplante G8-Gipfel bietet die Chance, einen neuen Pakt für qualitative Ernährungssicherheit zu schließen. Dazu ist es notwendig sich auf eine neue, verbesserte Initiative zu einigen. Diese sollte auf „L’Aquila“ aufbauen, und sich zur Erfüllung der bisherigen finanziellen Zusagen bis zum Ende des Jahres verpflichten. Zudem sollte diese neue Initiative ergebnisorientiert sein und klare Zielvorgaben für die Reduzierung der Armut und der Mangelernährung von Kindern enthalten.

Von zentraler Bedeutung ist auch, dass bei dieser Vereinbarung der Schwerpunkt auf der Eigenverantwortung der Partnerländer sowie der Nachhaltigkeit der Entwicklungsmaßnahmen liegt. Die Frage der Eigenverantwortung hat bei Investitionen in die Landwirtschaft einen besonders großen Stellenwert, weil Böden, klimatische Bedingungen und Ressourcen von Land zu Land erheblich variieren. Ein einheitlicher Ansatz ist keine Lösung. Lokales Wissen und lokale Lösungen sind daher die entscheidenden Voraussetzungen für intelligente landwirtschaftliche Programme und Maßnahmen zur Ernährungssicherung. Daher muss dieser Pakt eine feste Zusage über die Bereitstellung von mindestens 12 Milliarden US-Dollar an zusätzlichen Mitteln für die 30 anerkannten Investitionsprogramme bis 2015 umfassen. Dies wäre der Beitrag der Geberländer, um die Finanzierungslücke zu schließen.

Darüber hinaus sollte die Initiative:

  • klare, an messbare Kennziffern geknüpfte Zielvorgaben für die Reduzierung von Armut und kindlichen Entwicklungsstörungen formulieren;
  • Kleinbäuerinnen fördern, Konzepte für eine nachhaltige Landwirtschaft unterstützen, einen ganzjährigen Zugang zu Märkten anstreben und den Einsatz bewährter Lösungen zur Reduzierung der Mangelernährung von Kindern sicherstellen;
  • die Rolle der afrikanischen Länder stärken und gewährleisten, dass die traditionellen Geberländer mit neuen Akteuren und Partnerländern Wissen und Erfahrungen austauschen;
  • durch belastbare Kennziffern die Zusagen ausreichend konkretisieren und damit die Transparenz und Rechenschaftspflicht verbessern. Darauf aufbauend sollte ein unabhängiger Monitoring- und Evaluierungsmechanismus geschaffen werden. Die „Rom-Prinzipien“ bekräftigen und diese wie folgt weiterentwickeln:
    • klare Formulierung aller Verpflichtungen unter Angabe spezifischer, messbarer Maßnahmen;
    • Ausrichtung und Messung der einzelnen Maßnahmen an akzeptierten Indikatoren der Erfolgskontrolle;
    • Gewährleistung der uneingeschränkten Transparenz aller Ausgaben, Interventionen und Meetings.

2. Wiederbelebung der Maputo-Verpflichtungen

Den Regierungen der Partnerländer kommt bei der Reduzierung von Armut, Hunger und Mangelernährung eine entscheidende Rolle zu. 2003 unterzeichneten die Mitglieder der Afrikanischen Union (AU) die „Maputo Declaration on Agriculture and Food Security“. In ihr sagten sie zu, 10 Prozent ihrer nationalen Haushalte für Landwirtschaft und Entwicklung des ländlichen Raums auszugeben. Einige Länder haben dieses Ziel erreicht, andere liegen weit im Rückstand. Zwischen 2003 und 2009 sind die Ausgaben in Afrika im Durchschnitt bei 6,4 Prozent – gerade einmal rund 1/3 des Prozentsatzes, der während der Grünen Revolution in vielen asiatischen Ländern aufgewendet wurde.17

2013 wird der Vertrag 10 Jahre alt. Die afrikanischen Staaten sollten dies zum Anlass nehmen, ihre Verpflichtungen für Investitionen in Landwirtschaft und Entwicklung des ländlichen Raums zu erneuern und die Zielerreichung zu verbessern.

Es muss klar definiert werden, welche Ausgaben als Investition in Landwirtschaft und die Entwicklung des ländlichen Raums anrechenbar sind. In einem zweiten Schritt können Monitoring- und Evaluierungsinstrumente folgen. Die Afrikanische Union sollte den Malawi-Gipfel im Jahr 2012 als Ausgangspunkt für die Wiederbelebung dieser Verpflichtungen und die Vereinbarung konkreter landesspezifischer Roadmaps für die Umsetzung dieser Verpflichtungen nutzen. Zudem sollten afrikanische Regierungen unbedingt die Bemühungen zur Verbesserung der Transparenz und der Qualität der Regierungsausgaben verstärken.

Dies muss konkrete Schritte zur Verbesserung des CAADP (Comprehensive African Agriculture Development Programme) umfassen. Dabei handelt es sich um eine afrikanische Initiative unter afrikanischer Führung, in deren Rahmen Länder bei der Entwicklung und Umsetzung eigener Investitionsprogramme unterstützt werden. Die Staats- und Regierungschefs der AU-Mitglieder können den CAADP-Prozess mittels folgender Maßnahmen optimieren:

  • Abschluss regionaler Verträge zur Stärkung der regionalen Integration und zum Abbau grenzüberschreitender Hürden für eine landwirtschaftsinduzierte Entwicklung;
  • Anerkennung der zentralen Rolle und Bedürfnisse der Frauen und entsprechendes politisches Handeln;
  • Stärkung der gegenseitigen Rechenschaftspflicht in CAADP-Programmen, um zu gewährleisten, dass die Stimmen der Bürger gehört und berücksichtigt werden;
  • Befähigung nichtstaatlicher Akteure wie der Zivilgesellschaft, NROs und des privaten Sektors, sich vollumfänglich und sinnvoll in den gesamten CAADP-Prozess einzubringen – von der Planung bis zur Überwachung und Evaluierung –, um sicherzustellen, dass die Programme den Erfordernissen aller Interessengruppen genügen.

Ein konzertierter Vorstoß zur stärkeren Verwendung landeseigener Mittel für intelligente, wirksame Investitionen in die Landwirtschaft bietet die Möglichkeit, dass Millionen afrikanischer Bürger selbstbestimmter leben und sich das Wirtschaftswachstum beschleunigt.

3. Mobilisierung nachhaltiger Privatinvestitionen

Der Privatsektor spielt in den Bemühungen um Wachstum, Marktentwicklung und die Verbesserung der Ernährungssicherheit eine zentrale Rolle. Investitionen sind überall im Landwirtschaftssektor notwendig – insbesondere zur Verbesserung von Saatgut und Dünger, Anbaumethoden, Lagerung, Verarbeitung, Verteilung und Vermarktung. Daher ist es essenziell, dass Anstrengungen unternommen werden, alle potenziellen Finanzierungsquellen des privaten Sektors zu erschließen.

Den afrikanischen Regierungen kommt die wichtige Aufgabe zu, private Investoren anzulocken, die das enorme Potenzial der afrikanischen Landwirtschaft erschließen können. Dies kann durch die Schaffung eines gesetzlichen Rahmens, der das Geschäftsklima verbessert, geschehen. Bei jeglicher Investition müssen die Landrechte von Kleinbauern geschützt werden. Ein weiterer wichtiger Baustein ist der Ausbau der Transport-, Telekommunikations-, Energie- und Wasserversorgungsinfrastruktur.

Besondere Priorität müssen die afrikanischen Länder und deren Entwicklungspartner der regionalen Integration und der Infrastruktur im ländlichen Raum geben. Bessere Zubringerstraßen und grenzüberschreitende Verkehrsverbindungen sowie effizientere Grenzkontrollen würden den Handel intensivieren. Hierdurch würde sich nicht nur die Einkommenssituation verbessern; auch die Exporterlöse würden steigen. Zudem tragen diese Maßnahmen dazu bei, die gleichmäßigere Verteilung der vorhandenen Nahrungsmittel zwischen den Ländern sicherzustellen. Dadurch verringern sich die Fälle, in denen Familien auf der einen Seite einer Grenze unter Nahrungsmittelknappheit leiden, während ihre Nachbarn auf der anderen Seite im Überfluss leben.

Darüber hinaus muss mehr getan werden, um neue Investmentfonds zu mobilisieren, die sich auf die unterschiedlichen Aspekte des afrikanischen Agrarsektors spezialisiert haben. Außerdem sollten Darlehensgarantien und sogenannte Pull-Mechanismen genutzt werden, um Impulse für Innovationen im Agrarsektor zu setzen. Ein weiteres wichtiges Instrument ist der privatwirtschaftliche Teil des GAFSP. Er hat das Ziel, lang- und kurzfristige Darlehen, Kreditausfallsicherheiten und Privatkapital bereitzustellen und das kommerzielle Potenzial kleiner und mittelgroßer Agrarbetriebe und Bauern durch Vernetzung mit lokalen, inländischen und globalen Wertschöpfungsketten zu erhöhen.

4. Bekämpfung der strukturellen Probleme und der Preisvolatilität

Alle Bemühungen zur Verbesserung der Ernährungssicherung und die Bekämpfung des Hungers müssen durch ein konzertiertes Vorgehen gegen die Volatilität der Nahrungsmittelpreise flankiert werden. Seit der weltweiten Nahrungsmittelkrise von 2007/8, die die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe trieb, bewegen sich die Preise auf relativ hohem Niveau und schwanken zudem stark. Darunter leiden in unverhältnismäßig starkem Maße die Ärmsten der Welt, die prozentual einen größeren Teil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. Laut Weltbank trieben steigende Lebensmittelpreise zwischen Juni 2010 und April 2011 44 Millionen Menschen in die Armut.18 Weiterhin schätzt die Weltbank, dass ein Anstieg des Lebensmittelpreisindex um 10 Prozent weitere 10 Millionen Menschen in die Armut treiben würde. Bei einem Anstieg um 30 Prozent wären es sogar 34 Millionen Menschen.

Die Politik muss unbedingt die Ursachen der volatilen Nahrungsmittelpreise bekämpfen. Auch dafür bietet 2012 eine gute Möglichkeit. Präsident Calderón hat die Ernährungssicherung zu einem der fünf Schlüsselthemen der mexikanischen Präsidentschaft des diesjährigen G20-Gipfels gemacht. Mexiko muss in der Frage der Dämpfung der Preisvolatilität eine Führungsrolle übernehmen. Dazu sollte sich das Land dafür einsetzen, dass alle G20-Mitglieder an dem auf dem G20-Gipfel 2011 in Cannes beschlossenen „Agriculture Action Plan“ festhalten und alle vereinbarten und vom Financial Stability Board empfohlenen Finanzmarktreformen einleiten. Insbesondere muss es Regulierungsbehörden erlaubt werden, das Spekulieren mit Nahrungsrohstoffen durch die Einführung von Positionslimits zu beschränken, bevor es dadurch erneut zu einer Krise kommt.

Die Europäische Union sollte sich ebenfalls verpflichten, eine Regulierungsbehörde mit ähnlichen oder größeren Befugnissen wie die US-amerikanische „Commodities Futures Trading Commission“ (CFTC) zu schaffen. Diese würde Entwicklungen am Markt analysieren und Vorkehrungen treffen, die größere Marktverwerfungen wie Preisspitzen bei Nahrungsmitteln verhindern.

Schlussbemerkung

2012 bietet die Möglichkeit, eine neue Front im Kampf gegen extreme Armut und Hunger zu eröffnen – ein Kampf, von dem wir wissen, dass er gewonnen werden kann. Vielerorts gab es schon große Fortschritte; jetzt ist es Zeit, unsere Anstrengungen auf die Länder zu konzentrieren, die kurz davor stehen, ähnliche Fortschritte zu machen. Wie die Analyse von ONE zeigt, sind in den 30 Ländern mit anerkannten Investitionsplänen gewaltige Fortschritte möglich. Wir wissen, was getan werden muss, um dies Realität werden zu lassen. Was wir jetzt brauchen, ist der politische Wille.
Bleiben wir untätig, hätte dies Folgen, die jahrzehntelang spürbar wären. Viele Länder blieben dann im Teufelskreis von Armut und Hunger gefangen. Weitere Millionen von Kindern würden mit Entwicklungsstörungen aufwachsen und irreversible Schäden erleiden. Millionen von Familien wären weiterhin in extremer Armut gefangen und auf Hilfe von außen angewiesen, statt selbst für ihr Einkommen zu sorgen. Das können wir verhindern!

Anmerkungen

Anmerkungen zur Methodologie (PDF)

1. Chen and Ravallion, The developing world is poorer than we thought, but no less successful in the fight against poverty, Policy Research Working Paper, World Bank, 2008.

2. FAO, The State of Food Insecurity in the World: Addressing food insecurity in protracted crises, 2010.

3. World Bank, Repositioning Nutrition as Central to Development: A Strategy for Large-Scale Action, Washington, DC: World Bank, 2006.

4. FAO-Pressemitteilung, 9. März 2012.

5. Weltbank, Agriculture for Development, World Development Report, 2008.

6. Die Berechnungen des Autors basieren auf den Zahlen von FAOSTAT zur Weizenproduktion in Indien von 1961 bis 2010. Abgerufen unter: http://faostat.fao.org/site/567/default.aspx#ancor (März 2012).

7. IFPRI, Millions Fed: Proven Successes in Agricultural Development, International Food Policy Research Institute, 2009.

8. Die aus der OECD-CRS-Datenbank im März 2012 abgerufenen ODA-Zahlen zeigen, dass die ODA für die Landwirtschaft von $4,115 Mrd. im Jahr 1988 auf $1,155 Mrd. in 2003 zurückging (in konstanten Preisen von 2009).

9. Fan, Omilola und Lambert, Public Spending for Agriculture in Africa: Trends and Composition, ReSAKSS Working Paper No. 28, April 2009.

10. United Nations, The Millennium Development Goals Report, 2011.

11. Regional Strategic Analysis and Knowledge Support System, abgerufen unter: http://www.resakss.org/ (März 2012).

12. Food and Agriculture Organization, Food Security Data: Prevalence of Undernourishment in Total Population, Oktober 2011.

13. UNICEF, Progress for Children: A Report Card on Nutrition, UNICEF, Mai 2006.

14. UNICEF, Child Info: Monitoring the Situation of Children and Women, Child Nutrition Statistics, aktualisiert im Januar 2012, abgerufen unter: http://www.childinfo.org/undernutrition_status.html (März 2012).

15. Der genaue Zeitrahmen variiert von Land zu Land. Er hängt davon ab, wie schnell und auf welche Art die Finanzierung der Investitionen erfolgt. Eine Kanalisierung der Mittel über das GAFSP (Global Agriculture and Food Security Program) könnte die Umsetzung erheblich beschleunigen.

16. In Scaling Up Nutrition: What Will it Cost? schätzt die Weltbank den Beitrag des privaten Sektors für die Anreicherung von Nahrungsmitteln mit Eisen und jodiertem Salz im Interventionspaket der Phase 1 auf 7 Prozent.

17. UNICEF-Zahlen, abgerufen unter: http://www.unicef.org/infobycountry/tanzania_statistics.html (März 2012).

18. Benin, Kennedy, Lambert und McBride, Monitoring African Agricultural Development Processes and Performance: A Comparative Analysis, 2010, und ReSAKSS Annual Trends and Outlook Report, International Food Policy Research Institute (IFPRI), 2012.

19. Weltbank, Food Price Watch, April 2011.