Auf öffentlichen Plätzen in Bamako, der Hauptstadt Malis, singen und tanzen Jugendliche. Es ist ihre Antwort auf Ausgrenzung, Vorurteile. Und ein Leben auf der Straße.
Jonathan Fischer, Journalist, berichtet in der Süddeutschen Zeitung über das Tanzprojekt der Tänzerin und Choreografin Bibata Ibrahim Maiga, genannt Biba. Sie ist international erfolgreich, ist auf Bühnen weltweit unterwegs und engagiert sich in ihrem Heimatland für Straßenkinder in Bamako. Dafür organisiert Biba regelmäßige Tanztrainings mit ihrer Initiative „I dance’O“, bringt Essen mit, zahlt Transportkosten und schafft einen sicheren Raum. Für viele der Jugendlichen ist es der erste Ort, an dem sie nicht kämpfen müssen, sondern einfach sie selbst sein können.

Mehr als Tanzen
In Malis Hauptstadt leben tausende Kinder und Jugendliche auf der Straße. Schule? Für viele unerreichbar. Sicherheit? Fehlanzeige. Also tanzt Biba mit ihnen.
Dabei ist Tanz für Biba ein Werkzeug. Nicht nur, um sich künstlerisch auszudrücken, sondern um Erlebtes zu verarbeiten. Um Vertrauen zu lernen und Gemeinschaft zu erfahren. Die Jugendlichen lernen, sich gegenseitig zu respektieren, sich zu unterstützen und sich selbst anders zu sehen. Nicht als „Problem“, sondern als junge Menschen mit Fähigkeiten, Träumen und Zukunft. Zwar können Projekte wie „I dance’O“ strukturelle Probleme nicht lösen. Sie ersetzen keine funktionierenden Bildungssysteme oder soziale Sicherung. Dennoch schaffen sie etwas, das oft fehlt: Einen Raum für Stabilität, Selbstvertrauen und Hoffnung.

Mali: Ein Land in der Krise
In Mali hat sich die Sicherheitslage zuletzt drastisch verschärft. So kam es Ende April zur größten koordinierten Offensive seit Jahren: Mehrere Städte wurden von islamistischen und Rebellengruppen angegriffen, die Lage gilt als unübersichtlich. Die jihadistische Gruppe JNIM hat eine Blockade der Zugangsstraßen von Bamako angekündigt, schreibt AfricaNews.com. Schulen und Kliniken, die eigentlich Schutzräume sein sollten, geraten selbst ins Visier der Gewalt. In Bamako sind die Schulen zwar noch offen, aber es gibt Panik und immer mehr Familien bleiben zu Hause, schreibt die britische Zeitung The Guardian. In der Folge reagierte die regiernde Militärjunta jetzt mit einer Ausgangssperre.
Hintergrund des Konflikts
Seit der Unabhängigkeit 1960 konnte der malische Staat besonders in den nördlichen Regionen nie dauerhaft Kontrolle oder grundlegende Versorgung sicherstellen. Dadurch fehlt in vielen Gebieten bis heute der Zugang zu Bildung, Gesundheit, Wasser und Strom. Das frustriert die Bevölkerung und es ist einfacher für bewaffnete Gruppen, Einfluss zu gewinnen. Zusätzlich verschärften Dürren und der Zustrom von Waffen aus Nachbarstaaten die Lage weiter, sodass der Staat vielerorts Funktionen wie Sicherheit oder Konfliktlösung nicht mehr selbst übernimmt.
Gleichzeitig ist das politische System instabil: Nach mehreren Militärputschen regiert seit 2021 Übergangspräsident Assimi Goïta. Demokratische Strukturen sind geschwächt. Zudem hat sich Mali außenpolitisch neu ausgerichtet und setzt zunehmend auf Russland als militärischen Partner, wodurch sich das Land weiter von westlichen Unterstützern entfernt. Insgesamt führt die Kombination aus schwachem Staat, bewaffneten Konflikten und wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit zu wachsender Unzufriedenheit – besonders unter jungen Menschen, für die es bislang kaum politische oder soziale Auswege gibt.

Wenn Perspektiven entstehen
Ein Beispiel für konkrete Lösungen ist das Programm für Jugend und Stabilisierung in Zentralmali (PROJES), das von der EU finanziert wurde. Von 2018 bis 2024 hat es junge Menschen in Krisenregionen wie Mopti oder Ségou mit Ausbildung, Einkommensmöglichkeiten und besserem Zugang zu Grundversorgung unterstützt. Denn Schulschließungen, fehlende Jobs und wachsende Unsicherheit sind dort Alltag vieler Jugendlicher. Indem das Programm wirtschaftliche Perspektiven mit sozialem Zusammenhalt verbindet, zeigt es: Auch in instabilen Kontexten lassen sich echte Chancen schaffen.