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“Die Lage im Sudan kann man schon als dystopisch bezeichnen”

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Im Sudan herrscht seit drei Jahren ein brutaler Krieg. Immer wieder gibt es Friedensprozesse. Im Interview mit Aktivistin und Politikwissenschaftlerin Magda El Sayed erfahren wir mehr über die aktuelle Lage, den Widerstand der Zivilbevölkerung und wie man sich für die Menschen im Sudan einsetzen kann. 

Hallo Magda, es freut mich, dass wir heute zusammen das Interview machen! Zum Einstieg, wer bist du und was ist dein Bezug zum Sudan?

Magda El Sayed: Hallo ich bin Magda El Sayed, Soziologin und Politikwissenschaftlerin, und mache gerade meinen Master im Bereich Konfliktmanagement und internationale Beziehungen. Als Deutsch-Sudanesin befasse ich mich in dem Rahmen auch viel mit der Situation im Sudan.

Vor kurzem hat die paramilitärische Miliz „Rapid Support Forces“ (RSF) die Stadt El-Fasher in der südwestlichen Region Darfur gewaltsam eingenommen. Wie ist die aktuelle Lage in Darfur und im Sudan?

Die Lage im Sudan kann man schon als dystopisch bezeichnen. Eigentlich arbeite ich eher ungern mit Zahlen, da sie die verheerenden Umstände auf Nummern reduzieren. Gleichzeitig wissen zu wenige Menschen über das Ausmaß Bescheid.

Seit Beginn des Krieges zwischen der sudanesischen Armee (SAF) und der paramilitärischen RSF im April 2023 wurden über 12 Millionen Menschen vertrieben und mehr als 25 Millionen sind von Hunger bedroht.

Offiziell ist oft von rund 150.000 Todesopfern die Rede, aber Schätzungen gehen jedoch von bis zu 400.000 aus. Über 90 % des Gesundheitssystems sind kollabiert, und beide Kriegsparteien blockieren gezielt humanitäre Hilfe. Besonders in Darfur verhindern sie lebensrettende Versorgung. Nachdem die Hauptstadt von Nord-Darfur, El-Fasher, 18 Monate unter Belagerung durch die RSF stand und die Bevölkerung strategisch erzwungenen Hunger erleiden musste, ist die Stadt nun unter Kontrolle der Miliz gefallen. Dort werden nun massenhaft ethnisch-motivierte Massaker durchgeführt und sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe verwendet, ähnlich wie bei dem Genozid in Darfur von 2003. Damals gab es einen großen internationalen Aufschrei, jetzt nur Stille. 

Bei der Revolution 2018/19 stürzte die sudanesische Zivilbevölkerung den damaligen Machthaber und Diktator Omar al-Bashir. Foto: Tall Altinay.

2018/19 gab es landesweit große Proteste. Was ist nach der Revolution passiert?

Magda: Die Revolution führte zum Sturz des 30-jährigen Regimes von Omar al-Bashir und reiht sich in eine lange Geschichte des Widerstands im Sudan ein. Nach seinem Fall versuchte das Militär, eine Übergangsregierung zu bilden. och die Massen widersetzten sich und forderten unter dem Slogan „Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit“ eine zivile Regierung. Trotz brutaler Massaker hielten die Proteste an. 

Im August 2019 wurde eine Vereinbarung über eine geteilte Übergangsregierung unterzeichnet, die nach drei Jahren in Wahlen münden sollte. Es gab jedoch damals schon viele Stimmen, die in dieser Abmachung einen Verrat der Revolution erkannten. Sie warnten vor dem Eigeninteresse des Militärs, die nie das Interesse der Zivilbevölkerung vertreten hatten. Die Widerstands-Komitees, das Rückgrat der Revolution, blieben standhaft bei ihrem Motto: „No negotiation, no partnership, no legitimacy.“

Wie ist der Friedensprozess verlaufen und was ist schiefgelaufen? 

Magda: 2020 wurde das Juba-Friedensabkommen geschlossen, in dem unter anderem Waffenstillstände zwischen unterschiedlichen Gruppen und deren Eingliederung in das Militär beschlossen wurden. Zusätzlich stimmten alle Parteien der vollen Kooperation mit dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC) zu, um vergangene Gräueltaten, unter anderem in Darfur, aufzuarbeiten. Es wurden jedoch keine Maßnahmen veranlasst, die die Umsetzung gewährleisten sicherstellen konnten. So wurde den ICC-Repräsentanten die Einreise nach Darfur verwehrt und damit die Investigationen verhindert. 

Frauen und junge Menschen waren an diesen Prozessen nur sehr wenig beteiligt. Das ist vor allem daher unverständlich, da sie die Revolution angeführt haben.

Während das Friedensabkommen von der internationalen Community begrüßt wurde, verstärkte es in der Bevölkerung das Gefühl, in politischen Prozessen außen vor gelassen zu sein.

Einige Länder waren am Friedensprozess beteiligt, welche Rolle haben sie gespielt? Und wie hat das zum Krieg jetzt geführt? 

Magda: An den Dialogen im Sudan waren diverse internationale Akteure direkt und indirekt beteiligt, unter anderem die Afrikanische Union, die Vereinten Nationen und die Europäische Union. Doch wer an solchen Verhandlungen teilnimmt, sollte kritisch hinterfragt werden, denn geopolitische Interessen spielen immer eine Rolle. Wie kann die EU als neutrale Partei angesehen werden, wenn laut einer Oxfam-Analyse in 2015 erhebliche Summen durch die EU an die RSF zur sogenannten „Migrationskontrolle“ gezahlt wurden, obwohl deren Beteiligung am Genozid in Darfur längst belegt war. Dies zeigt, wie stark internationale Akteure Friedensprozesse im Sinne eigener Interessen „mediieren“.

In ihrer vermeintlichen Vermittlerrolle trug die internationale Gemeinschaft zur Untergrabung der revolutionären Ziele bei. Schon die Entscheidung für eine geteilte Zivil-Militär-Regierung war politisch verantwortungslos, denn kurz zuvor hatte das Militär noch Massaker an Demonstrierenden verübt. Durch die von internationalen Mächten initiierten Verhandlungen erhielten das Militär und die RSF politische Legitimität; genau das, wogegen sich die Revolution richtete. Das Juba-Friedensabkommen verschob das Machtverhältnis weiter zugunsten des Militärs. Der Putsch von 2021 bestätigte schließlich, was viele bereits wussten: Das Militär hatte nie vor, seine Macht abzugeben. Der aktuelle Krieg lässt sich weder als Bürgerkrieg noch als Stellvertreterkonflikt angemessen beschreiben, sondern vielmehr als konterrevolutionärer Krieg.

Ein Bild von der Revolution 2018/19 im Sudan. Foto: Tall Altinay.

Wie sieht der Widerstand im Sudan aus?

Magda: Seit Beginn des Krieges haben Sudanes*innen landesweit basisdemokratische Strukturen aufgebaut, die leisten, was internationale Akteure bisher nicht geschafft haben. Die Netzwerke der Widerstands-Komitees sind hierarchielos organisiert und haben auf Grund des Krieges ihren Fokus auf die Versorgung der Bevölkerung verlagert. 

Daraus entstanden die Emergency Response Rooms, lokale Initiativen, die sichere Fluchtrouten, Evakuierungen sowie psychologische und medizinische Unterstützung, vor allem für Frauen und Kinder, koordinieren. Die Überbleibsel des Gesundheitssystems werden praktisch nur so über Wasser gehalten. 

Trotz der brutalen Realität des Krieges bleibt in diesen Strukturen der revolutionäre Geist lebendig.

Mit deiner Organisation engagierst du dich aus Deutschland für den Sudan. Welche Mittel habt ihr als Diaspora-Organisation? Und wie kann man sich, ohne Teil einer Organisation zu sein, mit der Bevölkerung im Sudan solidarisch zeigen? 

Magda: Während weltweit die Budgets für humanitäre Hilfe immer weiter gekürzt werden, stammen die meisten finanziellen Mittel für Unterstützung im Sudan aus der Diaspora. Sie leitet Gelder an die Emergency Response Rooms und direkt an ihre Familien weiter. Viele geraten dabei selbst unter enormen Druck und zahlen hohe Mieten für geflüchtete Angehörige oder enorme Summen an Schmuggler, um eine Flucht erst zu ermöglichen.

Organisationen wie die Bana Group for Peace and Development leisten dabei entscheidende Arbeit und unterstützen Überlebende sexualisierter Gewalt in Darfur, im Sudan und in Zufluchtsländern, wo viele Sudanes*innen zusätzlich Rassismus und Ausbeutung erfahren. Über Spenden hinaus können und sollten sich Menschen in Deutschland beispielsweise gegen die deutsche Außenpolitik aussprechen. Denn diese liefert noch immer massenhaft Waffen an die Golfstaaten, obwohl jene Staaten den Krieg im Sudan mit Waffenlieferungen befeuern und entscheidend von dem Krieg profitieren.

Wir appellieren gemeinsam mit Unicef Deutschland an die neue Bundesregierung und den Deutschen Bundestag ihre diplomatischen Möglichkeiten mit aller Kraft für einen langfristigen Waffenstillstand einzusetzen. Mit deiner Unterschrift schaffst du Aufmerksamkeit für die Notsituation im Sudan!

Magda El Sayed ist Soziologin und Politikwissenschaftlerin und arbeitet als Bibliothekarin im Archiv des community-basierten Empowerment-Projekts EOTO. Derzeit studiert sie einen Master im Bereich Internationale Beziehungen und Friedens-/Konfliktforschung. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit antikolonialen Widerstandsbewegungen. Als Deutsch-Sudanesin befasst sie sich in dem Rahmen unter Anderem viel mit der Widerstandsgeschichte des Sudans.

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