Draußen ziehen verkleidete Menschen von einer Faschingsparty zur nächsten. Drinnen, im Bayerischen Hof, diskutiert die Welt über Krieg, Abschreckung und Bündnistreue. Die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) gilt seit Jahrzehnten als Seismograf globaler Machtverschiebungen. Hier treffen sich Staats- und Regierungschef*innen, Militärs, Geheimdienstvertreter*innen, Diplomat*innen und Expert*innen, um zu verhandeln, was Sicherheit im 21. Jahrhundert bedeutet.
In diesem Jahr stand die Konferenz unter dem Motto: „Under Destruction.“ Gemeint ist eine Weltordnung unter Druck: durch Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Eskalation im Nahen Osten, Konflikte im Sudan und in der Sahelzone, zunehmende Rivalität zwischen den Großmächten, Spannungen zwischen Europa und den USA sowie wirtschaftliche Fragmentierung und Klimarisiken.
Sicherheit neu denken
Die geopolitische Lage zwingt Regierungen zu höheren Verteidigungsausgaben. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 haben NATO-Mitglieder ihre Militärbudgets massiv erhöht; beim Gipfel 2025 wurde sogar eine Zielmarke von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Sicherheitsbereitschaft festgelegt. Gleichzeitig kürzen viele Staaten ihre Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und Diplomatie – im Vereinigten Königreich sogar ausdrücklich, um höhere Verteidigungsausgaben zu finanzieren. Auch in Deutschland stiegen die Verteidigungsausgaben zwischen 2024 und 2026 um 14,9 Prozent, während die Entwicklungsausgaben im selben Zeitraum um 9,8 Prozent sanken.
Diese Verschiebung offenbart ein verengtes Sicherheitsverständnis. Es konzentriert sich auf territoriale Verteidigung und militärische Stärke und übersieht, dass Instabilität heute oft aus anderen Quellen entsteht: Armut, fragile Staaten, Pandemien, Klimaschocks oder fehlende wirtschaftliche Perspektiven. Sicherheit lässt sich nicht auf militärische Abschreckung reduzieren. Sie muss als menschliche Sicherheit verstanden werden.
Neuer ONE-Bericht: Eine Schieflage der Sicherheitsinvestitionen
Unser neuer Bericht „The Security Paradox: More Defense, Less Stability“ zeigt, wie stark sich sicherheitspolitische Prioritäten verschoben haben. Die zehn OECD-Länder mit den höchsten Verteidigungsausgaben investieren heute sieben Dollar in Verteidigung für jeden Dollar, der in Entwicklung und Diplomatie zusammen fließt. Mehr als 85 Prozent sicherheitsrelevanter Ausgaben entfallen auf militärische Maßnahmen, weniger als 15 Prozent auf Prävention, Stabilisierung und Krisenvermeidung. Besonders alarmierend: Der Anteil der Unterstützung für fragile und konfliktbetroffene Staaten sinkt dramatisch; ausgerechnet dort, wo instabile Strukturen, Armut und Gewalt ineinandergreifen.
Dabei sprechen sowohl ökonomische als auch sicherheitspolitische Gründe für ein Umsteuern. Jeder Dollar, der in Konfliktprävention investiert wird, kann später bis zu 103 Dollar an Kosten vermeiden. Prävention rettet Leben, stabilisiert Gesellschaften und reduziert den Bedarf militärischer Interventionen. Sicherheit beginnt lange bevor Gewalt eskaliert.
Die drei Säulen nachhaltiger Sicherheit
Der Bericht plädiert für ein integriertes Sicherheitsverständnis entlang der drei zentralen Säulen: Verteidigung, Entwicklung und Diplomatie (Die 3Ds: Defense, Development und Diplomacy). Verteidigung bleibt unverzichtbar, um Staaten vor akuten Bedrohungen zu schützen. Entwicklungszusammenarbeit reduziert strukturelle Ursachen von Konflikten und stärkt gesellschaftliche Resilienz. Diplomatie ermöglicht Kooperation, Krisenprävention und eine regelbasierte internationale Ordnung. Nachhaltige Sicherheit entsteht erst im Zusammenspiel dieser Instrumente.
Zur Sicherheitsarchitektur gehört auch globale Gesundheit. Funktionsfähige Gesundheitssysteme stabilisieren Gesellschaften, stärken wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und schaffen Vertrauen zwischen Staaten. Dennoch gaben die untersuchten Länder 2024 rund 65-mal mehr für Verteidigung aus als für globale Gesundheit. Wird Prävention vernachlässigt, können Gesundheitskrisen politische Instabilität verstärken und langfristige Entwicklungserfolge zunichtemachen.
Sicherheit im Zeitalter multipler Krisen
Die Debatten in München zeigen: Die Welt befindet sich in einer Phase strategischer Neuordnung. Doch dafür sind auch Investitionen in Prävention, Resilienz und menschliche Sicherheit notwendig.
Sicherheit beginnt nicht an der Frontlinie.
Sie beginnt dort, wo Menschen Zugang zu Gesundheit, Bildung und wirtschaftlichen Chancen haben.
Dort, wo Staaten funktionieren.
Dort, wo Konflikte verhindert werden, bevor sie entstehen.
Nachhaltige Sicherheit ist kein Nullsummenspiel zwischen Verteidigung, Entwicklung und Diplomatie. Sie ist das Ergebnis ihres Zusammenspiels.