2026 wird der Black History Month 100 Jahre alt – und erhält in Deutschland neue politische Relevanz. Der Aktionsmonat rückt die Geschichte Schwarzer Menschen, koloniale Kontinuitäten und strukturellen Rassismus in den Fokus. Von Anton Wilhelm Amo über May Ayim bis zur Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus zeigt sich: Diese Geschichte ist Teil deutscher Realität – und politischer Verantwortung.
Was ist der Black History Month?
Der Black History Month hat seinen Ursprung in den USA und jährt sich 2026 zum 100. Mal. Denn in den USA widmete der Historiker Carter G. Woodson 1926 zum ersten Mal eine Woche den Leistungen von Afroamerikaner*innen. Seit den 1990er Jahren findet der Black History Month auch in Deutschland statt. Der Monat stellt die Sichtbarkeit, Geschichte und den Widerstand Schwarzer Menschen[1] in den Vordergrund. Gleichzeitig werden auch Themen, wie Anti-Schwarzer Rassismus und die (mangelhafte) koloniale Aufarbeitung angesprochen. Der Black History Month gibt Raum, diesen Themen mehr Aufmerksamkeit zu geben. Die Themen sind jedoch nicht auf einen Monat beschränkt – sie betreffen die Gegenwart dauerhaft.
Die Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland: Eine Geschichte mit Lücken
Schwarze Menschen leben seit Jahrhunderten im Gebiet des heutigen Deutschlands. Doch genaue historische Aufzeichnungen sind lückenhaft und werden erst in jüngerer Zeit verstärkt erforscht. Bereits im Mittelalter und der Frühen Neuzeit waren Schwarze Menschen als Bedienstete, Unterhaltungskünstler*innen oder Militärangehörige präsent. Der Weg nach Deutschland war meist von Gewalt und Sklaverei oder ungleichen Verhältnissen geprägt. Im 19. Jahrhundert wuchs die Zahl Schwarzer Menschen im deutschen Kaiserreich durch Migration aus Afrika, der Karibik und den USA; einige blieben dauerhaft und gründeten Gemeinschaften.[2]

Anton Wilhelm Amo: Der erste Philosoph mit afrikanischer Herkunft in Deutschland
Anton Wilhelm Amo kam als Kind aus der heutigen Republik Ghana Anfang des 18. Jahrhunderts an den Hof Braunschweig-Wolfenbüttel. Amo wird in historischen Quellen, laut des Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität Berlin, als „Geschenk“ an den Herzog bezeichnet, was den kolonialen Kontext hervorhebt, in dem Amo nach Deutschland kam. Er studierte ab 1727 Philosophie an der Universität Halle – finanziell unterstützt durch die Herzöge. 1729 diskutierte er in einer öffentlichen Disputation erstmals die Rechtsstellung Schwarzer Menschen in Europa. Später promovierte er und lehrte als Privatdozent an den Universitäten Halle und Jena. In seinen akademischen Schriften trug er demonstrativ die Herkunftsbezeichnung „Guinea-Afer“ hinter seinen Nachnamen. Trotz wissenschaftlicher Anerkennung erfuhr Amo auch rassistische Anfeindungen. Mitte der 1740er Jahre kehrte er nach Ghana zurück, wo er bis zu seinem Lebensende lebte.[3]
ich werde trotzdem afrikanisch sein auch wenn ihr mich gerne deutsch haben wollt und werde trotzdem deutsch sein auch wenn euch meine schwärze nicht paßt“
– May Ayim, grenzenlos und unverschämt (1990)
Die Schwarze Poetin und Aktivistin May Ayim
Einen Blick auf die Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland liefern May Ayim, Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz im Buch „Farbe bekennen“. May Ayim war Aktivistin sowie Poetin und ist eine wichtige Vertreterin der Schwarzen Community in Deutschland. Sie wuchs in Hamburg auf und musste sich schon früh mit den rassistischen Strukturen in der deutschen Gesellschaft beschäftigen. Nach ihrem Pädagogik Studium zog sie nach Berlin. Die Gedichte von May Ayim handeln von der Aushandlung ihrer Identität als Schwarze und Deutsche. Gleichzeitig fordert sie die weiße deutsche Dominanzgesellschaft heraus, sich mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen, schreibt die akademische Aktivistin Natasha A. Kelly.
Deutschland und der Kolonialismus
Die deutsche Kolonialzeit in Afrika wird kaum in Schulbüchern erwähnt. Zu wenige wissen, dass Deutschland zwischen 1884 und dem Ersten Weltkrieg aktiv ein imperialistisches Projekt betrieben hat. Die deutschen Kolonialgebiete hießen Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Togo. Neben den beiden zuletzt genannten Ländern liegen diese Gebiete heute in Namibia, Tansania, Ruanda, Burundi sowie kleinere Teile in Mosambik, Gabun, Republik Kongo, Zentralafrikanische Republik, Tschad, Nigeria und Ghana. Konkret bedeutete Kolonialismus oft Gewalt, Zwangsarbeit, wirtschaftliche Ausbeutung und massive Eingriffe in lokale Lebenswelten.
Widerstand gegen das brutale deutsche Kolonialregime wurde gewaltvoll niedergeschlagen. 1904 rebellierten die Völker der Herero und Nama im heutigen Namibia gegen ihre Unterdrücker*innen. Diese reagierten brutal und töteten laut der Menschenrechtsorganisation Genocide Alert bis zu 95.000 Menschen. Erst im Jahr 2021 erkannte Deutschland diese Grausamkeit offiziell als Völkermord an und schloss ein „Versöhnungsabkommen“ mit der namibischen Regierung. Im Zuge dieser verpflichtet sich Deutschland einen Betrag von 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre in Namibia zu investieren, vermeidet aber den Begriff von Reparationszahlungen. Kritiker*innen kritisieren diese Maßnahmen als unzureichend, um die Würde einer entrechteten und in die Armut getriebenen Gruppe wiederherzustellen.[4]

Postkoloniale Strukturen in Deutschland: Restitutionen
Nicht nur in den ehemaligen Kolonien sind die Folgen des Kolonialismus spürbar, sondern auch in Deutschland. In vielen deutschen Museen und Universitäten befinden sich heute Kulturgüter und menschliche Überreste, die während der Kolonialzeit aus Afrika nach Deutschland gebracht wurden. Oft ist der Erwerbskontext der Kulturartefakte unklar und reicht von Handel, Tausch, Betrug bis zu Raub. Allein im Humboldt Forum in Berlin lagern 50.000 Artefakte aus Afrika. Die systematische Erfassung dieser Bestände und ihrer historischen Aneignung hat erst langsam begonnen. Das ist der notwendige erste Schritt für Restitutionen, die Rückführung der Objekte in ihre Ursprungskontexte.[5]
Ein Positivbeispiel ist das Forschungsprojekt zwischen der Université de Dschang in Kamerun und der Technischen Universität Berlin. Es hat nachgewiesen, dass über 40.000 Objekte aus Kamerun nach Deutschland transportiert wurden – oft im Zusammenhang mit militärischen Aktionen gegen Widerstand leistende Volksgruppen.
Viele Expert*innen und Herkunftsgesellschaften fordern darüber hinaus eine bedingungslose Rückgabe und eine stärkere Einbindung afrikanischer Partner*innen in die Verhandlungen. Die Restitution von Kulturgütern oder menschlichen Knochen ist ein wichtiges politisches Thema, da dieses historische Unrecht in vielen Fällen noch nicht aufgearbeitet ist.[6]

Postkoloniale Auswirkungen auf den Straßen: Das afrikanische Viertel in Berlin
Erst vor kurzem wurde die M*-Straße in Berlin Mitte umbenannt. Was zuvor einen rassistischen diskriminierenden Namen trug, ist jetzt die Anton-Wilhelm-Amo Straße, benannt nach dem ersten bekannten Philosophen mit afrikanischer Herkunft. Im afrikanischen Viertel in Berlin haben Aktivist*innen mittlerweile die Umbenennung aller Straßen bewirkt, die zuvor kolonialen Akteuren gewidmet waren. Stattdessen ehren sie jetzt afrikanische Widerständler*innen wie Cornelius Fredericks und Manga Bell.
Allein in Berlin gibt es noch immer drei Straßen, von denen die Initiative Berlin Postkolonial eine Umbenennung fordert. Berlin Postkolonial setzt sich unter anderem für die kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte Berlins und die Würdigung der Opfer und Gegner des Versklavungshandels und des Kolonialismus ein.

Rassistische Polizeigewalt in Deutschland
Rassismus ist in der deutschen Gesellschaft strukturell, das heißt rassistische Vorurteile sind (unbewusst) Teil des Denkens vieler Menschen, zum Beispiel auch in Institutionen. Menschen, die als Schwarz gelesen werden, werden deshalb in unterschiedlichen Bereichen diskriminiert. Eine solche Institution ist die Polizei. Der 21-jährige Lorenz A. wurde im April 2025 von der Polizei mit Schüssen in den Rücken getötet. Er war Schwarz und viele fragen sich, ob die Polizei bei einer weißen Person anders gehandelt hätte, so Deutschlandfunk. Mittlerweile wurde der Polizist von der Staatsanwaltschaft auf fahrlässige Tötung angeklagt.
Die Initiative Schwarzer Menschen (ISD) in Deutschland sagt, dass Polizeigewalt und Racial Profiling keine Zufälle sind, sondern System haben. Sie sind ein Zeichen struktureller Ungleichheit und institutionellem Rassismus. Deshalb fordert die ISD tiefgreifenden und konkrete Maßnahmen zum Schutz der Betroffenen, wie zum Beispiel die Entwaffnung der Polizei zugunsten der Stärkung ziviler Strukturen.

Warum der Black History Month 2026 so wichtig ist
Die aktuellen Debatten zeigen, dass die Gegenwart untrennbar mit der Zukunft verknüpft ist. Der Kolonialismus hat Auswirkungen sowohl in Deutschland als auch auf die ehemaligen Kolonialländer. Um Gerechtigkeit näher zu kommen, braucht es konkrete politische Maßnahmen, wie die Aufnahme des deutschen Kolonialismus in den Lehrplan und einer Veränderung der Erinnerungskultur. Gleichzeitig muss institutioneller Rassismus analysiert und Gegenmaßnahmen entworfen werden.
Der Black History Month erinnert uns an inspirierende Persönlichkeiten aus der Schwarzen Community – in Deutschland aber auch weltweit. Ihr Wissen hilft uns, aktuellen Herausforderungen zu begegnen. Bildungs- und Erinnerungspolitik müssen verändert und bei den Erneuerungen betroffene Schwarze Menschen mit einbezogen werden.
[1] Im Folgenden wird Schwarz großgeschrieben – in Anlehnung an die Neuen Deutschen Medienmacher*innen. Denn es handelt sich nicht um die Beschreibung der Hautfarbe, sondern der gesellschaftlichen Position. Diese gesellschaftliche Position ist von den gemeinsamen Lebensrealitäten von Menschen, die von Anti-Schwarzem Rassismus betroffen sind, geprägt.
[2] https://mediendienst-integration.de/bevoelkerung/schwarze-menschen-in-deutschland/geschichte-schwarzer-menschen-in-deutschland/
[3] https://www.euroethno.hu-berlin.de/de/das-institut/faq-zur-umbenennung/anton-wilhelm-amo
[4] https://www.deutschlandfunk.de/herero-aufstand-voelkermord-namibia-kolonialgeschichte-100.html#wie
[5] https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2020/12/deutschlands-neues-universalmuseum-der-raubkunst/
[6] https://www.swp-berlin.org/publikation/mta-joint-futures-27-koloniales-raubgut-in-deutschland