Wohlstand für alle – oder für niemanden

Bob Geldof für die Süddeutsche Zeitung – Außenansichten

Die simplen Gesetze der Wirtschaft: Wer die Krise bekämpfen will, muss die Armut von 3 Milliarden Menschen bekämpfen

Wir können jeden beschuldigen. Banker, Regulierer, den Markt, das westliche Modell, Habgier, Hybris, Globalisierung. Ganz egal. Alles und jeder kann beschuldigt werden. Es ist ein Leichtes zu behaupten, dass sich der Markt genau so verhielt, wie es entweder Karl Marx oder aber Adam Smith vorhergesagt haben. Der Markt korrigierte sich selbst, ohne dass wir ihn darum gebeten hätten, er achtete nicht auf unseren Schmerz. Die ‚unsichtbare Hand‘ scheint unglücklicherweise tatsächlich funktioniert zu haben!

Wir könnten aber auch das (von den Chinesen) vielgerühmte chinesische Modell des Staatskapitalismus preisen, dessen „Erfolge“ und dessen anschließendes Scheitern allerdings auch auf einem Finanzsystem fußte, das durch faule Kredite in Höhe von einer Billion Dollar unterspült war. Nur dass sie in China in nicht-wettbewerbsfähige Staatsbetriebe gepumpt wurden, anstatt in billige Häuser. Aber ganz egal, ob wir nun beschuldigen oder preisen – Fakt ist, dass wir nun alle zusammen in dieser Sache stecken. Und wir werden auch alle zusammen dort wieder herauskommen, durch Zusammenarbeit, Dialog und gemeinsame Planung.

Im April werden sich die Staaten der G20 in London treffen, um schnell über einen gemeinsamen Fluchtweg aus dem Desaster zu beraten. Es treffen sich die G20, und nicht die G8, weil die aufstrebenden Volkswirtschaften dieser Welt nicht länger ausgeschlossen werden können. Wir brauchen sie so sehr, wie sie uns brauchen. Anti-Armuts-Aktivisten haben es immer schon gesagt: Wohlstand in den armen Gegenden zu schaffen, das bedeutet, Wohlstand für alle zu schaffen.

Sollen die Briten nur noch britische Güter kaufen? Und die Deutschen nur noch deutsche? Es gibt doch nur eine einzige Möglichkeit, Jobs zu schaffen: durch die Produktion von Dingen, die andere haben wollen, und durch den Kauf von Sachen, die wir haben wollen. Jobs haben wir nur, weil andere kaufen. Kaufen können sie nur, wenn sie Geld haben, und Geld können sie nur haben, wenn sie auch selber produzieren. Drei Milliarden Menschen, die Hälfte der Weltbevölkerung, sind arm. Sie können nicht kaufen. Würden sie aber produzieren, wären sie wohlhabend, und sie und wir würden davon profitieren. Eigentlich kinderleicht zu verstehen – und daher ist es unbegreiflich, dass immer wieder um diese winzig kleinen Beträge für Entwicklungszusammenarbeit gerungen werden muss. Es geht um lohnenswerte Investitionen und um einen Schutz der eigenen Wirtschaft – einen guten „Protektionismus“, der Niemandem schadet.

Letztlich ist Armut immer etwas relatives. Man kann sehr reich sein, aber doch weniger als der Nachbar haben und sich deswegen verarmt vorkommen. Das gilt für Nationen so sehr wie für Individuen. Aber die wahre Verarmung, die hier zu beobachten ist, ist eine Verarmung des Denkens. Ja, es stimmt, alle Länder haben jetzt Schulden. Die früheren Auseinandersetzungen über Schuldenerlass können wir uns sparen. Sogar die Weltmeister im Sparen, die Deutschen, kommen mittlerweile auf eine Staatsverschuldung, die noch nach Generationen nicht abbezahlt sein wird. Und die britischen und amerikanischen Konsumenten, die das Gegenteil praktizierten, nämlich eine kreditfinanzierte Volkswirtschaft? Ihre Schulden sind noch höher. Aber für Schadenfreude ist jetzt nicht die Zeit, denn die Schulden der Briten, Amerikaner, Chinesen und Deutschen sind die Schulden von allen gemeinsam. Denn all die Kredite stammen letztlich aus demselben großen Topf, dem globalen Finanzsystem. Wie Bob Dylan richtig bemerkte: Money doesn’t talk. It swears. Geld redet nicht. Es flucht.

In diesen Zeiten ist es schwierig, die Leute dazu zu bewegen, sich etwas anzuhören, was.sie für irrelevant, übertrieben luxuriös oder einfach für verrückte Ökonomie halten. Aber wenn wir uns nicht mit einer großen Kraftanstrengung um die Armen kümmern, um uns alle gemeinsam aus diesem Schlamassel zu befreien – dann werden sich die Dinge nicht ändern. Klingt vielleicht lächerlich. Aber welches Wirtschaftsmodell hat sich denn zuletzt als richtig erwiesen? Die Deutsche Regierung betont ihre Versprechen zu halten. Inmitten der anhaltenden Wirtschaftkrise behält sie ihre Nerven und wird tun, was sie versprochen hat. In Davos hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Bild einer „globalen sozialen Marktwirtschaft“ gezeichnet und tapfer versprochen, die Entwicklungshilfe im Jahr 2010 erneut beträchtlich zu erhöhen. Am Tag der Amtseinführung von Barack Obama gab das Weiße Haus öffentlich die Zusage, die Hilfe zu verdoppeln, um die Millenniumentwicklungssziele der Vereinten Nationen zu erreichen, um u.a. die Armut bis zum Jahr 2015 weltweit zu halbieren. Die nächste britische Regierung, wer immer sie bilden wird, dürfte ähnliches tun. Das ist alles nicht nur sehr ehrenwert sondern auch wirtschaftlich sinnvoll:Jeffrey Sachs, Amartya Sen, Nicholas Stern, Joseph Stiglitz und viele andere würden dem beipflichten.

Sich auf schlechten Protektionismus zurückziehen, würde bedeuten: sich selbst zu verschlingen. Protektionismus wird nicht funktionieren. Das nationale Interesse kann so wenig losgelöst vom globalen Interesse betrachtet werden, wie ein Bein nicht getrennt vom Rest des Körpers existieren kann. Der Rückzug in den Protektionismus würde zu Bedürftigkeit, Nationalismus, Militarismus und nationalem Bankrott führen. Aber Nationen, die ruiniert sind, neigen dazu, zum Schlag auszuholen. Wohlstand ist das Geschenk des Friedens, so wie Armut der Motor des Krieges ist. Wir kennen das aus unserer eigenen schrecklichen Geschichte sowie aus dem Afrika unserer Zeit. Kooperation muss im Zentrum des politischen Paradigmas des 21. Jahrhunderts stehen, sonst wird uns eine globale Un-Ordnung erwarten.

Die Armen, all die drei Milliarden Menschen, die jeden Tag weniger als zwei Dollar zur Verfügung haben, müssen Teil unserer neuen globalen Finanzwelt werden und am menschlichen Streben teilhaben können. Ein so großer Teil der Weltbevölkerung muss am Handel mit Gütern teilhaben können – zum Nutzen aller. Wir haben es doch an der Integration von Millionen von Armen in die chinesische Volkswirtschaft gesehen: Wir alle sind dadurch wohlhabender geworden, der Lebensstandard hat sich verbessert.

Erforderlich ist doch nur dies: Regierungen müssen im Angesicht der Angst, der Intoleranz, des kurzfristigen Denkens und der Dummheit die Nerven bewahren, während sie über dem Weg aus dem Schlamassel brüten. Wir werden das schaffen. Dieser Moment, diese Krise wird vorbeigehen. Bis dahin wird es großen Schmerz und Verlust geben. Aber es wird enden. Und wir werden dieses Ende umso schneller erreichen, je schneller wir die Unachtsamkeit gegenüber den Armen und die Taubheit gegenüber ihren Rufen beenden und ein grundlegendes ökonomisches Gebot anerkennen: Die Existenz von Armut schließt Wohlstand aus – hier und überall.

– Bob Geldof –

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