Wie sicher ist die Ernährung der Welt?

Vom 16. bis 25. Januar findet in Berlin die Grüne Woche statt. Zu dieser landwirtschaftlichen Messe werden auch dieses Jahr mehr als 400.000 Besucher erwartet. Wir alle kennen die Bilder aus der Tagesschau auf denen die Aussteller ihre köstlichen Erzeugnisse präsentieren. Die wenigsten aber wissen, dass die Grüne Woche jedes Jahr auch ein internationaler Treffpunkt zur Diskussion von Agrar- und Ernährungspolitik ist. Die Internationale Agrarministerkonferenz des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wird dieses Jahr am 17. Januar erstmalig durch den 1. Berliner Agrarministergipfel ergänzt. Agrarminister aus aller Welt diskutieren hier Herausforderungen und Lösungsstrategien für die Sicherung der Welternährung.

Einige Fakten zeigen den Handlungsbedarf für die Agrarminister auf:

Fakten

  • 963 Millionen Menschen auf der Welt hungern. Das sind 95 Millionen mehr als nur ein Jahr zuvor.
  • Die Weltbank schätzt, dass Wachstum im landwirtschaftlichen Bereich doppelt soviel zur Bekämpfung von Armut beiträgt wie Wachstum in irgendeinem anderen Bereich.
  • Nach Berechnungen der Weltbank drohen allein aufgrund der derzeitigen Höhe der Nahrungsmittelpreise weitere 100 Millionen Menschen in extreme Armut abzugleiten. Damit wären die letzten sieben Jahren Kampf gegen extreme Armut verloren und die Welt auf den Stand von 2002 zurückgeworfen.
  • In der Gesamtbetrachtung der weltweiten Entwicklungshilfe fiel der Anteil zur Förderung der Landwirtschaft von 18 Prozent in den 1980er Jahren auf heute nur noch 4 Prozent.
  • Fast die Hälfte aller Todesfälle bei Kindern und mehr als 20 Prozent der Todesfälle bei Müttern weltweit sind auf Unterernährung zurückzuführen.

Landwirtschaft ist der Schlüssel

Die Landwirtschaft ist ein Schlüsselfaktor für wirtschaftliches Wachstum und Armutsbewältigung – insbesondere in Afrika, wo das Überleben von mehr als der Hälfte der Bevölkerung von ihr abhängt. Doch während der letzten 25 Jahre wuchs das Einkommen aus Landwirtschaft in Afrika um durchschnittlich nicht einmal ein Prozent pro Jahr. Dieser Prozentsatz ist nicht nur der niedrigste weltweit: er entspricht nicht einmal der Hälfte des Wachstums, das in irgendeiner anderen Region der Erde erreicht werden konnte. Hinzu kommt aktuell, dass die steigenden Kosten für die Nahrungsmittelproduktion und der Klimawandel diesen ohnehin schwachen Wirtschaftszweig weiter belasten: Die Höhe der Anfangsinvestitionen in eine Ernte und die Transportkosten steigen, während die Erträge durch extreme Wetterbedingungen sinken.

Die Erhöhungen der Nahrungsmittelpreise, die wir insbesondere letztes Jahr beobachten konnten, haben die Aufmerksamkeit der Welt wieder stärker auf Fragen der Nahrungssicherheit und der landwirtschaftlichen Produktivität gelenkt. Ende letzten Jahres schätzte die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dass gegenüber vorherigen Schätzungen die Zahl der Menschen ohne Zugang zu ausreichender Nahrung um 75 Millionen höher, also auf nunmehr 923 Mio. Menschen, beziffert werden muss. Nach Berechnungen der Weltbank drohen allein aufgrund der derzeitigen Höhe der Nahrungsmittelpreise weitere 100 Millionen Menschen in extreme Armut abzugleiten. Damit würde die Arbeit von sieben Jahren in der Armutsbekämpfung verloren gehen.

Damit würden sich auch „altbekannte“ Krisen von Hunger und Mangelernährung weiter ausweiten. Schon heute trägt Unterernährung weltweit zu fast der Hälfte aller Todesfälle bei Kindern und mehr als 20 Prozent aller Todesfälle bei Müttern bei. Und weil Hunger und Mangelernährung auch einen starken Einfluss auf wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, Bildungserfolge und die Fähigkeit zum Überstehen von Krankheiten haben, bedrohen die steigenden Nahrungsmittelpreise die Erfolge der Armutsbekämpfung auf allen Ebenen.

Nahrungssicherheit durch landwirtschaftliche Produktivität

Daher ist die Bereitstellung von Nahrungsmittelhilfe an diejenigen, die sie benötigen, sowie die Bereitstellung von Arbeitsmitteln wie Dünger, Samen und Werkzeugen so wichtig. Deutschland kann auf diesem Gebiet eine Führungsrolle einnehmen und langfristige Ansätze sowohl auf bilateralen als auch auf multilateraler Ebene entwickeln, um landwirtschaftliche Nachhaltigkeit zu sichern.

In den vergangenen 15 Jahren war der internationale Mittelfluss in die Landwirtschaft von Entwicklungsländern sehr gering: Der Anteil der Entwicklungsgelder (ODA), die in die Landwirtschaft flossen, sank von mehr als 18 Prozent in den 1980ern auf einen heutigen Anteil von nur 4 Prozent. Derzeit betragen die jährlichen Mittel für diesen Bereich für Afrika mit seinen fast 1 Milliarde Bewohnern €1,5 Mrd. (weltweit: €3 Mrd.). Zum Vergleich: Aus dem Aktionsplan der Vereinten Nationen Comprehensive Framework for Action (CFA) geht hervor, dass Investitionen von jährlich etwa €18 – 29 Mrd. nötig sind, um die kurz-, mittel- und langfristigen Bedürfnisse im Hinblick auf Nahrung und Landwirtschaft zu stillen. Die afrikanischen Regierungen haben sich bereits verpflichtet, 10 Prozent ihrer Haushalte für Landwirtschaft aufzuwenden. Dies entspricht €3,5 Mrd. Die verbleibende Finanzierungslücke ist nicht gedeckt, auch wenn die Europäische Union hierfür 2008 zusätzliche Mittel aufgebracht hat, wofür sich auch viele Unterstützer von ONE eingesetzt hatten.

Die weltweite Finanzkrise hat die Notwendigkeit verschärft, dem Welternährungsprogramm und der entsprechenden Initiative der Weltbank (World Bank Global Food Crisis Response Program) kurzfristig die notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen.

Bisherige Initiativen

Es gibt eine Vielzahl von kurz- mittel- und langfristigen Aktivitäten auf der etablierten Institutionen internationaler Ebene hierzu. Als Reaktion auf die Krise durch die Erhöhung der Preise für Nahrungsmittel hat die Weltbank ein Sofortfinanzierungsprogramm eingerichtet: das Global Food Crisis Response Program. Damit stellt die Weltbank Finanzmittel in Höhe von €150 Mio. für Soforthilfen zu Verfügung. Weitere Mittel sollen über einen €350 Mio.-Treuhandfonds von mehreren Gebern aufgebracht werden, der auf die Anforderungen in einer Gruppe von etwa 30 Ländern zugeschnitten ist. Dieses Instrument unterstützt Lebensmittelprogramme und Initiativen, über die Lebensmittel als Bezahlung für erbrachte Arbeit verteilt werden. Außerdem finanziert es den Kauf von Düngemitteln und Samen und unterstützt Länder, deren nationale Haushalte durch die Nahrungsmittelkrise besonders angeschlagen sind. Bis zum heutigen Tag hat hierfür jedoch lediglich Australien die Summe von €35 Mio. zur Verfügung gestellt. Obwohl die Weltbank sich um weitere Mittel bemüht, sind konkrete Zusagen bisher nicht eingegangen.

Die Weltbank ist außerdem mit der Energy for the Poor Initiative dabei, einen ähnlich aufgebauten Treuhandfonds über €350 Mio. aufzubauen, der sich ebenfalls auf den Beitrag verschiedener Geber stützen soll. Dieser Fonds soll solche Länder unterstützen, die von den hohen Energiepreisen besonders stark betroffen sind und damit unter komplexen Wirtschaftsschocks leiden.

Die FAO konzentriert sich auf die Herstellung weltweiter Nahrungssicherheit und die Unterstützung der einzelnen Länder bei der Verbesserung von Nährwert, landwirtschaftlichen Erträgen und wirtschaftlichem Wachstum. Die FAO bietet den Ländern außerdem ein Forum zur Diskussion weltweiter Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik. Dazu kommen die Bereitstellung von Werkzeugen und Ausbildungsmöglichkeiten. Zusätzlich zu den bereits zugesagten €4,4 Mrd. wurden im Juni 2008 auf der speziell zur Nahrungsmittelkrise anberaumten FAO-Konferenz in Rom etwa €9 Mrd. von den Geberländern versprochen. Diese Zahl ist offensichtlich weit von den oben erwähnten €18 – 29 Mrd. entfernt, die zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität und langfristigen Ernährungssicherheit nötig sind. Die Gelder sind auch noch nicht in dieser Höhe eingegangen.

Während das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (World Food Program – WFP) als “Feuerwehr” in bedürftigen Ländern und Regionen Nahrungsmittelhilfen verteilt und damit eher für die kurzfristige Antworten verantwortlich ist, gibt es zudem langfristige Ansätze in den Bereichen Forschung und Entwicklung:

Der Internationale Fonds für die Entwicklung von Landwirtschaft IFAD (The International Fund for Agricultural Development) ist ein Organ der Vereinten Nationen, das 1977 gegründet wurde, um Projekte zur landwirtschaftlichen Entwicklung, insbesondere zur Erhöhung der Lebensmittelproduktion, zu fördern. Ziel von IFAD ist die Stärkung der Position von Frauen und Männern aus ländlichen Regionen in Entwicklungsländern, damit diese höhere Einkommen erzielen und ihre Nahrungssicherheit erhöht wird. Die Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA) wird von privaten Gebern – insbesondere von der Gates und der Rockefeller Stiftung – finanziert. AGRA unternimmt landwirtschaftliche Forschung und konzentriert sich auf den Aufbau von Kompetenzen. Ein weiterer wichtiger Akteur auf diesem Gebiet ist das International Food Policy Research Institute (IFPRI), das großen Anteil an derzeitiger Forschung in den Bereichen Landwirtschaft und Landwirtschaftspolitik trägt.

Was ist zu tun? Ausblick für eine Strategie

Die Geber sind meilenweit von der notwendigen Unterstützung für eine landwirtschaftliche Transformation in den von Hunger geplagten Ländern entfernt, die sich kurz- bis mittelfristig nicht selbst aus ihrer Lage befreien können. Darüber hinaus verbaut die europäische Handels- und Landwirtschaftspolitik vielen Bauern im Süden die Möglichkeit, produktiven Anbau zu betreiben und behindert so bereits strukturell den Aufbau intakter Lebensmittelmärkte.

Deutschland hat als wichtiger Mitgliedsstaat der EU und weltweit zweitgrößter Geber die Möglichkeit dazu beizutragen, dass die Welternährungskrise überwunden wird. Das Rezept dafür hat die Bundesregierung vor einem halben Jahr mit dem Strategiepapier “Globale Ernährungssicherung” vorgelegt. Die Bundesregierung sollte sich zur Umsetzung der dort benannten Beschlüsse bekennen. Als Gastgeberin des 1. Berliner Agrarministertreffens hätte sie die Gelegenheit, drei Schwerpunkte anzukündigen, die der Stoßrichtung des Papiers entsprechen und die wir bei ONE für zentral halten:

  • Ländliche Infrastruktur ausbauen
    Deutschland muss einen fairen Anteil der €18 – 29 Mrd. für den Ausbau der ländlichen Infrastruktur aufbringen. Bisher wurde dies allem durch Umschichtungen innerhalb des bestehenden Entwicklungsetats getan – also auf Kosten anderer Entwicklungsprojekte. Es kommt nun darauf an, dass zusätzlich Mittel bereitgestellt werden. Bei der entsprechenden Mobilisierung von EU-Mitteln hat Deutschland allerdings eher die Rolle des Bremsers gespielt.
  • Marktzugänge verbessern und Marktverzerrungen beenden
    Deutschland sollte sich für den freien Zugang zum EU-Markt gerade auch für landwirtschaftliche Erzeugnisse einsetzen. Dieser muss für alle Länder südlich der Sahara gelten, nicht nur für die am wenigsten entwickelten unter ihnen. Darüber hinaus sollten landwirtschaftliche Subventionen, die es afrikanischen Ländern erschweren, im Wettbewerb zu bestehen, reduziert und schließlich abgeschafft werden. Besonders schädlich waren in der Vergangenheit die EU-Exportsubventionen, die aufgrund der hohen Nahrungsmittelpreise derzeit nicht zur Anwendung kommen. Für Bauern in Entwicklungsländern ist es wichtig, dass es dabei bleibt.
  • In landwirtschaftliche Forschung investieren
    Die Produktivität der afrikanischen Landwirtschaft kann weiter gesteigert werden, wenn beispielsweise angepasstes Saatgut entwickelt wird und bessere Erkenntnisse zu Bodenbeschaffenheit und Wetter vorliegen. Forschungsinstitute die gezielt zur Armutsreduzierung arbeiten wie das International Food Policy Research Institute können diesen Beitrag leisten, wenn ihre Arbeit stärker unterstützt wird.

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