Dieser Beitrag von Stanley Azuakola erschien im Original auf dem internationalen Blog
Nachdem Temie Giwa-Tubosun in ihrem 10. Lebensjahr ihre Heimat Nigeria verlassen hatte, kehrte sie im Jahr 2009 zum ersten Mal nach 13 Jahren zurück. Die Zeit im Ausland hatten sie von der harten Lebensrealität in ihrem Heimatland isoliert. Doch als Praktikantin beim britischen Department for International Development (DfID) in Nigeria ereignete sich der Schlüsselmoment für ihr daraus folgendes Lebenswerk.

Temie auf einem der Motoräder zur Auslieferung von Blutkonserven. Quelle: Twitter
Eine junge Frau lag seit drei Tagen in den Wehen. Ihre Familie konnte es sich nicht leisten, sie ins Krankenhaus zu bringen. Die Frau erwartete im Kreis ihrer Familie ihren Tod. Genau zu diesem Zeitpunkt tauchten Giwa-Tubosun und ihre Kollegen an der Haustür der Familie auf – bei der Suche nach Teilnehmer*innen für eine Haushaltsumfrage. Das Team nutze den Zufall und fuhr die Frau ins Krankenhaus. Sie überlebte, aber ihr Baby verstarb leider.
“Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Die Familie hatte sich damit abgefunden, sie zu verlieren”, sagt Giwa-Tubosun über den Vorfall.
Blut spielt eine grundlegende Rolle
Auch wenn Giwa-Tubosun während dieses Besuchs nur drei Monate in Nigeria verbrachte, war sie von diesem Moment an fest entschlossen, die Müttersterblichkeit zu stoppen.
Nigeria besitzt den zweitgrößten Anteil an der Sterblichkeitsrate von Müttern und Kindern in der Welt. Blutungen töten jedes Jahr mehr schwangere Frauen als jede andere Komplikation, ausgenommen Präeklampsie (Bluthochdruck). Malaria-Patient*innen (vor allem Kinder), Sichelzellenpatient*innen, Krebspatient*innen, Opfer von Terroranschlägen und viele weitere Menschen sind auf Blut angewiesen. In Giwa-Tubosuns Kopf ergab sich ein Muster – Blut spielt eine grundlegende Rolle.

Ihr Rat an Frauen: “Warte nicht, bis du denkst, alles sei sicher. Frauen müssen einfach anfangen.”
Im Jahr 2012 kehrte Giwa-Tubosun nach Nigeria zurück und startete das sogenannte Ein-Prozent-Projekt, um “eine neue Generation von freiwilligen Blutspender*innen zur Lösung der Blutknappheit zu inspirieren”.
Das Ein-Prozent-Projekt entwickelte eine Datenbank mit potenziellen Spender*innen, die jederzeit erreichbar und bereit für eine Blutspende waren. Durch Bluttests und Lobbyarbeit erhielt das Projekt Spenden von über 1600 Litern Blut – genug, um über 10.000 Menschenleben zu retten. Aufgrund ihrer Arbeit wurde sie 2014 für die 100 Women List der BBC nominiert.
Von der Nichtregierungsorganisation zum Sozialunternehmen
Doch trotz des Erfolgs, war Giwa-Tubosun unzufrieden mit dem Arbeitsmodell als Nichtregierungsorganisation (NRO). Es könne das Problem nicht nachhaltig lösen, sagte sie und betonte gleichzeitig, dass das Projekt von den Launen der Geldgeber*innen abhängt.
“Jedes Jahr entscheiden die Geber*innen aufs neue, was ihnen wichtig ist”, erzählt sie. “Ich habe 70 Prozent der Zeit damit verbracht, nach Geld zu suchen.” Also kündigte sie ihren täglichen Job bei der Regierung von Lagos und gründete ein technologieorientiertes Sozialunternehmen namens LifeBank, “die größte virtuelle Blutbank (Lagerstätte für Blutkonserven) Nigerias”.
Auf den ersten Blick scheint es, als wäre das Problem ein fehlendes Angebot für den höheren Bedarf. Aber es ist “eigentlich ein Informations- und Logistikproblem”.
Eine Blutbank im Stadtteil Ikeja von Lagos besitzt beispielsweise das Blut, das von einem Patienten anderswo in der Stadt benötigt wird. Aber weder Patient*innen, noch Krankenhaus wissen das. Gelagertes Blut hat eine begrenzte Haltbarkeit. Wird es nicht innerhalb von sechs Wochen verwendet, muss es entsorgt werden. Hätten die Krankenhäuser Zugang zu den richtigen Informationen, könnte diese Verschwendung von Blut vermieden werden. Dazu kommt die Herausforderung, das Blut in einem sicheren und zuverlässigen Zustand zu transportieren.

Durch Technologie löst LifeBank das logistische Problem von Angebot und Nachfrage
LifeBank löst diese beiden Probleme. Durch Technologie bekommen die Krankenhäuser Informationen über verfügbares Blut. Bei Bedarf hilft das Sozialunternehmen das Blut sicher und in gutem Zustand bereitzustellen, damit Leben gerettet werden.
“Wir haben eine Online-Datenbank, in der Gesundheitsdienstleister*innen selbst nach der Verfügbarkeit von Blut suchen und dafür bezahlen können. Sie können uns aber auch über unsere gebührenfreien Nummern anrufen. Dann helfen wir ihnen, das passende Angebot zu finden.”, sagt sie.
Gesellschaftliche Herausforderungen und ihr Rat an Frauen
Nigerias Gesundheitssysteme bleiben rudimentär und unflexibel für Veränderungen. Nigerianer*innen geben jährlich bis zu einer Milliarde Dollar aus, um in anderen Ländern medizinisch behandelt zu werden. LifeBank engagiert sich in einem fast unberührten Bereich.
Mit einem Geschäftsmodell Investoren*innen für Gesundheitstechnologie in Nigeria zu überzeugen, ist insbesondere für Frauen eine Herausforderung, so Giwa.
“Investor*innen neigen dazu, auf Menschen zu setzen, die wie sie aussehen”, sagt sie. Eine 30-jährige Mutter, die im männlich dominierten Technologie-Sektor und einer sexistischen Gesellschaft wie Nigeria aktiv ist, sieht nicht aus wie der*die typische Investor*in. “Ihnen fällt es schwer, dem Urteilsvermögen, der Vision und der Fähigkeit von Frauen zu vertrauen, darauf dass sie das Unternehmen aufbauen und voranzubringen”, sagt Giwa-Tubosun, “aber ich lasse mich nicht davon abhalten.”
Ihr Rat an Frauen? “Warte nicht, bis du denkst, alles sei sicher. Frauen müssen einfach anfangen.”
Weltweit setzen sich Frauen wie Giwa-Tubosun für das Wohl der Gesellschaft und gegen die Benachteiligung von Frauen ein. In unserem offenen Brief zum diesjährigen Frauentag fordern über 50 Aktivistinnen vom afrikanischen Kontinent Unterstützung von den politischen Verantwortlichen. Unterschreibe auch du den offenen Brief und trete für Geschlechtergerechtigkeit ein.