Warum eigentlich Welt-Aids-Tag?

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Heidemarie Wieczorek-Zeul, Entiwcklungsministerin a.D. und Vizepräsidentin der Freunde des Globalen Fonds Europa

Schon wieder! Fast jeden Tag ist im Kalender das Gedenken an ein Thema eingetragen. Diese Gedenktage sollen uns sensibilisieren. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. „Ach, Aids“, sagen vielleicht manche.

Wie so viele Geißeln der Menschheit – Armut, Hunger, Krieg, Terror – ist auch HIV/Aids ein Problem, das in unserem Land eine Minderheit betrifft, in anderen Regionen unserer Welt aber ein sehr massives Problem darstellt. „Ach, Aids.“ Was ist das Besondere an diesem Tag? Was sollte uns dazu bringen, das Kalenderblatt des 1.12. nicht einfach umzublättern – sondern kurz innezuhalten?

Dabei wissen wahrscheinlich die Meisten, dass HIV/Aids für unsere Welt eine der größten Katastrophen der letzten Jahrzehnte war. 34 Millionen Menschen sind schon gestorben. Nach wie vor sterben über 137 Menschen pro Stunde (!), 1,2 Millionen im Jahr. Das wissen als konkrete Zahl wahrscheinlich nicht so viele. Klar, dass es viele sind, wissen wir. Aber ist es nicht so: Je größer die Zahlen, desto abstrakter das Leid. Ach, Aids. Wir Europäerinnen und Europäer kennen Aids meist nur aus dem Film. Für die Jüngeren hat die Krankheit längst ihre Bedrohlichkeit verloren. Immerhin: Das hat vielleicht auch mit Erfolgen zu tun.

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Es kommt mir noch bei Schreiben bizarr vor: 1,2 Millionen Todesopfer im Jahr, diese monströse Zahl, ist ein Fortschritt gegenüber der Situation vor zehn Jahren. Damals erlagen jedes Jahr über zwei Millionen Väter, Mütter, Freundinnen und Verwandte dem Virus. Schritt für Schritt erfolgten Gegenmaßnahmen: Mit dem Globalen Fonds gegen Aids, Tuberkulose und Malaria wurde 2002 eine beispiellose und intelligent konstruierte Partnerschaft aufgebaut. Heute bekommen dadurch über acht Millionen Menschen lebensrettende Medikamente. Doch der gefährlichste Verbündete von HIV/Aids ist noch immer nicht besiegt: das Schweigen.

HIV/Aids ist unheilbar. Aber man kann sich relativ leicht davor schützen. Aufklärung ist eine Frage von Phantasie und Initiative, denn die braucht es, um über Themen wie Sexualität und Verhütung zu sprechen. Wenn wir ehrlich sind, fällt uns das in unserem Kulturkreis nicht immer leicht. In anderen Ländern ist es ähnlich, manchmal auch schwieriger. Und noch immer gibt es Länder, in denen die nationalen Statistiken die Existenz des Virus komplett verschweigen. Dieses gefährliche Schweigen müssen wir beenden. Stattdessen müssen wir reden: über die Opfer, die wir betrauern, über die Gefahren der Ausbreitung von HIV/Aids und über die Möglichkeiten, die wir haben, es zu besiegen. Und deshalb, deshalb brauchen wir den Welt-Aids-Tag.

von Heidemarie Wieczorek-Zeul

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