Entscheidungsjahr 2022: Auf dem Weg zu mehr Klimagerechtigkeit inmitten multipler Krisen?

2021 war in vielerlei Hinsicht kein Jahr zum Durchatmen. Während globale Emissionen wieder in alte Muster verfielen, konnten wir das vom Rest unseres Alltags kaum behaupten. Im Gegenteil: Trotz wirksamer Coronaimpfstoffe setzen wir nach wie vor nicht auf internationale Solidarität. Drastische Ungerechtigkeiten in der Impfstoffverteilung und wirtschaftlichen Erholung von der Coronapandemie bleiben bestehen und gefährden weiterhin Jahrzehnte des Fortschritts für nachhaltige Entwicklung: Rund eine halbe Milliarde Menschen – also mehr als sechs Mal die gesamte Bevölkerung Deutschlands – werden durch die Pandemie in die Armut gedrängt. Weniger als 1 Prozent aller Impfdosen erreicht Menschen in von Armut betroffenen Ländern. Folglich ist auch der Impfschutz ungerecht verteilt: Auf dem afrikanischen Kontinent ist bisher weniger als 10 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Das ist nicht nur fatal für die Gesundheit aller Menschen, sondern auch für die unseres Planeten: Denn solange sich finanzielle Mittel, politische Aufmerksamkeit und Maßnahmenprogramme auf die Coronapandemie konzentrieren müssen, fehlt es an dringend notwendigen Ressourcen im Einsatz für Klimagerechtigkeit.

Photo Credit: Arek Socha

Globale Krisen warten nicht

Das können wir uns beim besten Willen nicht leisten. Inmitten der Pandemie erlebten Menschen im vergangenen Jahr rund um den Globus Naturkatastrophen infolge des Klimawandels, oft direkt vor der eigenen Haustür. Unsere Zukunft bedrohende Prozesse wie das Artensterben, das Abschmelzen von Permafrostböden und die Zunahme an Extremwetterereignissen wie Dürren und Fluten nahmen in ihrer Geschwindigkeit nicht ab. Die Klimakrise interessiert es nicht, dass wir uns gleichzeitig in einer gesundheitlichen Krise befinden – das hat der neueste Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen erneut unterstrichen. Zwar machen beide Krisen nicht an Grenzen Halt, doch sie treffen die von Armut betroffenen Teile der Welt am härtesten. Dass reiche Länder bisher nicht die nötigen Gegenmaßnahmen ergriffen haben, ist nicht nur ungerecht, sondern auch unlogisch. Globale Krisen bedürfen globaler Antworten. Im Alleingang können wir weder COVID-19 beenden noch unseren Planeten schützen.

Neues Jahr, neue Möglichkeiten

Mit Blick nach vorn lässt sich sagen: 2022 hält eine Vielzahl an politischen Momenten bereit, an denen Entscheidungsträger*innen zu mehr Einsatz für Klimagerechtigkeit aufgefordert werden können. Ein schneller Weg aus der Coronakrise für die globale Gemeinschaft ist dafür unerlässlich. Daher ist es ermutigend, dass sowohl die Klimakrise als auch die Coronapandemie Prioritäten bei wichtigen Zusammentreffen internationaler Staats- und Regierungschef*innen sein sollen.

Photo Credit: Paul Kagame

  • Sowohl Deutschland als auch Indonesien – als jeweilige G7- und G20-Vorsitzende 2022 – haben eine gerechtere Verteilung von COVID-19-Impfstoffen und die Stärkung globaler Gesundheitssysteme auf ihre Agenden gesetzt. Beim diesjährigen Gipfel der G7 im bayerischen Elmau soll es auch konkret um Klimaschutz als sicherheitspolitisches Thema gehen. Die Bundesregierung hat das Ziel definiert, eine umfangreiche Verpflichtung der G7-Staaten für den Ausbau von Anpassungsmaßnahmen und humanitärer Unterstützung angesichts der bereits verheerenden Folgen der Klimakrise zu verhandeln. Es bleibt abzuwarten, wie ambitioniert die Vereinbarungen ausfallen und inwiefern die historische Verantwortung der Industrienationen für den Klimawandel berücksichtigt wird. Dazu lohnt es sich, auch ein Auge auf die Treffen der Minister*innen und zivilgesellschaftlicher Organisationen aus den G7-Staaten im Vorfeld des Gipfels zu haben. Auf dem G20-Gipfel in Bali im Spätherbst sollen außerdem Wege für eine nachhaltige Energiewende auf globaler Ebene diskutiert werden.

  • Organisationen der Vereinten Nationen werden 2022 einige Veranstaltungen ausrichten, die die vielschichtigen Auswirkungen und Ursachen der Klimakrise ins Scheinwerferlicht rücken. Könnt ihr euch vorstellen, dass die erste UN-Konferenz, die sich mit Gefahren für unsere Umwelt beschäftigte, bereits 50 Jahre zurückliegt? Mit dem Stockholm+50 Treffen sollen Klimaschutzmaßnahmen des letzten halben Jahrhunderts reflektiert werden. Mit Blick auf 2030 – und damit auf die verbleibenden Jahre der sogenannten „UN Decade of Action“ – sollen Regierungen, Zivilgesellschaft und Wissenschaft konkrete Schritte zum Erreichen der Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) und des Pariser Klimaabkommens beschließen. Besonders interessant: Auch eine grüne Erholung von der Coronapandemie soll Kern der Diskussionen sein.
  • Darüber hinaus wird sich eine UN-Konferenz in Côte d‘Ivoire den Bedrohungen durch fortschreitende Wüstenbildung In besonders betroffenen Trockengebieten der Erde wie der Sahel-Region beeinträchtigt dieser maßgeblich vom Klimawandel vorangetriebene Prozess Landwirtschaft und Wasserversorgung enorm. Das lässt mehr und mehr Menschen in extreme Armut und Hunger abrutschen und ihr Schutz sollte deshalb eine Priorität im Vorantreiben von Klimagerechtigkeit sein. Neben einer von den Regierungen Kenias und Portugals ausgerichteten UN-Konferenz zum Schutz der Ozeane und nachhaltigen Nutzung mariner Ressourcen findet im Frühjahr 2022 auch die erste „Middle East and North Africa Climate Week“ des UNFCCC ihrer Art statt. Das Event in Dubai soll Entscheider*innen und Aktivist*innen zusammenbringen, um Möglichkeiten zu diskutieren, Wege aus der Coronapandemie und der Klimakrise sinnvoll zu verbinden.
  • Zwar musste die UN-Konferenz zu den am wenigsten entwickelten Ländern (5th United Nations Conference on the Least Developed Countries, LDC5) in der Hauptstadt Katars, Doha, aufgrund von Omikron verschoben werden. Doch ein möglichst schneller Ersatztermin ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Zum einen kommen dort viele der Länder zusammen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, jedoch im globalen Vergleich am stärksten unter ihren Auswirkungen leiden – viele von ihnen in Afrika. Zum anderen sollen die Länder ihr Aktionsprogramm zum Erreichen der Agenda 2030 für die nächsten neun Jahre beschließen. Dabei sind internationale Partnerschaften und ausreichende Finanzierung multilateraler Organisationen und bilateraler Programme essentiell.
  • Für eine adäquate Reaktion auf die Klimakrise braucht es auch in erster Linie eine möglichst schnelle und gerechte wirtschaftliche Erholung von der Coronapandemie. Länder, die aktuell unter einer enormen Schuldenlast leiden, verfügen kaum über finanzielle Kapazitäten für Investitionen in eine nachhaltige Zukunft. Fonds wie die gerade wiederaufgefüllte International Development Association (IDA) der Weltbank können dabei mit zinsgünstigen Krediten und Zuschüssen Abhilfe schaffen. Jedoch kann es nicht sein, dass Finanzmittel von Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) kaum bei den Ländern ankommen, die eine wirtschaftliche Erholung nicht allein stemmen können. Letzten Herbst erhielt Deutschland allein mehr Mittel in Sonderziehungsrechten (SZR) als der gesamte afrikanische Kontinent. An alle Niedrigeinkommensländer zusammen gingen gerade einmal 1,4 Prozent der SZRs. Kurz: Bei der größten Neuzuteilung von Währungsreserven seit 1945 – in Höhe von 650 Milliarden US-Dollar – gingen von Armut betroffene Länder größtenteils leer aus. Bereits damals forderten ONE und andere zivilgesellschaftliche Organisationen eine Weitergabe dieser Zuweisungen an die Länder, die sie am dringendsten brauchen. Auch 2022 müssen Möglichkeiten der Umverteilung zur Jahrestagung des IWF und der Weltbank im Zentrum stehen. Eine nachhaltige, „grüne“ Erholung von der Coronapandemie kann es nur mit einer gerechten Verteilung der zur Verfügung stehenden Mittel geben.

  • Schließlich erwartet uns ein weiteres wichtiges Ereignis für Klimagerechtigkeit auf afrikanischem Boden: Die UN-Klimakonferenz COP27 in Sharm El-Sheikh, Ägypten. Dies wird eine entscheidende Möglichkeit für afrikanische Länder sein, schnelles internationales Handeln und ambitionierte Unterstützung von anderen Regierungen einzufordern. Dazu gehört natürlich auch ein starkes finanzielles Paket. Einerseits müssen reiche Nationen ihr Versprechen von 2009 einhalten, weniger wohlhabenden Ländern 100 Milliarden US-Dollar jährlich zur Abfederung von Auswirkungen des Klimawandels und für notwendige Anpassungsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Das ist allerdings nicht ausreichend. Seit einiger Zeit wird auch insbesondere die historische Verantwortung reicher Industrienationen diskutiert. Auf der COP26 in Glasgow konkretisierten sich deshalb schon seit Jahren geführte Gespräche zu einem sogenannten „Loss and Damage Mechanismus“ – einer finanziellen Kompensation für Länder, die bereits enorme Schäden und Verluste durch Auswirkungen des Klimawandels erleiden und erlitten haben. Dafür müssen die zu zahlenden Summen und Verantwortlichen unter den historisch größten Emittenten allerdings zunächst ermittelt werden. Bereits im Vorfeld zur letzten Klimakonferenz haben Aktivist*innen und zivilgesellschaftliche Organisationen Regierungen aufgefordert, diesen wichtigen Prozess zur gezielten Unterstützung der am härtesten getroffenen Länder endlich voranzutreiben. Große Fortschritte blieben in Glasgow aus – deshalb ruht die Hoffnung jetzt auf der COP27.

Die Stützpfeiler der Klimagerechtigkeits-Bewegung

Zwei Dinge sind besonders wichtig, wenn Regierungen aufrichtigen Einsatz für Klimagerechtigkeit leisten wollen. Sie sollten ihre Entscheidungen auf die Erkenntnisse der Wissenschaft bauen und ihre Handlungen an den Bedürfnissen und Forderungen von Expert*innen und Aktivist*innen in betroffenen Ländern des Globalen Südens ausrichten. Dieses Jahr werden zwei weitere wichtige Berichte des IPCC veröffentlicht werden. Im Februar soll der erste ein umfassenderes Verständnis der Auswirkungen des Klimawandels auf Ökosysteme, Biodiversität und Grenzen der Anpassung an sich ändernde Bedingungen ermöglichen. Später im Frühling wird ein weiterer Bericht beleuchten, welche Wege zur Minderung von Emissionen und Bindung von CO2 aus der Atmosphäre sich uns bieten. Darüber hinaus gibt es großartige Initiativen, die Wissensproduktion und Aktivismus innerhalb der Klimagerechtigkeitsbewegung betreiben, wie die Pan-African Climate Justice Alliance (PACJA), die Plattform Climate Justice Central und natürlich Fridays For Future in zahlreichen Ländern rund um den Globus. Die ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakate gründete das Rise Up Movement und zeigt gemeinsam mit anderen Aktivist*innen wie Mitzi Jonelle Tan, Hilda Flavia Nakabuye oder Farzana Furuk Jhumu wie unerlässlich starke Stimmen aus Ländern des Globalen Südens für klimagerechte Politik sind. Für das Lösen aller globalen Krisen gilt: Wir sind nur so stark, wie wir solidarisch sind. Hören wir auf, zu kooperieren und voneinander zu lernen, lassen wir den Krisen die Oberhand.

 

 

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