Afrika braucht einen Schuldenschnitt – Interview mit Dr. Moritz Kraemer

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Dr. Moritz Kraemer ist seit Januar 2020 Chief Economic Advisor von Acreditus, einer unabhängigen Beratungsfirma zu Kapitalmarktthemen. Vorher war er bereits als leitender Analyst für Staatenrankings bei S&P Global Ratings und als Volkswirt bei der Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank tätig. Unsere Jugendbotschafterin Lucia hat ihn für uns zu den wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 auf den globalen Süden interviewt.

Dr. Moritz Kraemer

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Welche Konsequenzen hat die Corona Pandemie für Afrika?

Die Corona-Krise hat alle Länder der Welt erfasst. Ärmere Länder sehen sich dabei mit besonderen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen konfrontiert. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert, dass die Volkswirtschaften südlich der Sahara in diesem Jahr um 3 Prozent schrumpfen werden – die erste Schrumpfung des Kontinents seit drei Jahrzehnten – und dass die öffentlichen Haushaltsdefizite 7,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen werden, ebenfalls ein Rekord.

Gleichzeitig ist die Schuldendienstlast vieler afrikanischer Staaten in die Höhe geschnellt. Knappe Ressourcen werden in Zins- und Tilgungszahlungen umgeleitet. Die Weltbank geht davon aus, dass bis zu 100 Millionen Menschen in extreme Armut abrutschen könnten. Das sind ungefähr so viele wie die gesamte Bevölkerung von Italien und Spanien zusammengenommen! Über ein Drittel der von extremer Armut betroffenen Menschen leben in Afrika südlich der Sahara.

Du argumentierst, dass der globale Norden bisher zu wenig getan hat, um Afrika zu unterstützen. Warum?

Die Staats- und Regierungschefs der G20 einigten sich im April darauf, einigen der ärmsten Länder die Möglichkeit einzuräumen, die Aussetzung ihrer bilateralen Schuldenzahlungen bis Ende 2020 zu beantragen. Bilaterale Schulden sind solche, die eine Regierung im Süden mit einer Regierung im Norden hat. Etwa ein Kredit Deutschlands an Sambia. Sie schließen also nicht sogenannte multilaterale Schulden (z.B. Weltbank) oder kommerzielle Schulden (Banken und Investoren) ein.

Eine sechsmonatige Atempause für bilaterale Schulden setzt zwei Dinge voraus: erstens, dass es sich bei der Krise um eine Liquiditätskrise handelt, die bis 2021 verschwinden wird. Mit anderen Worten: nur ein kurzfristiges Zahlungsproblem, das geht schon bald wieder weg. Und zweitens, dass die Aussetzung des bilateralen Schuldendienstes einen bedeutsamen Unterschied macht.

Die erste Annahme halte ich für viel zu optimistisch. Und für viele überschuldete Staaten ist die zweite Annahme schlicht und ergreifend falsch. Die Aussetzung des Schuldendienstes kann nur der erste Schritt zu einer umfassenderen Strategie des Schuldenabbaus sein.

Nigeria, Ghana und Angola wenden mittlerweile mehr als 40 Prozent ihrer Staatseinnahmen für Zinszahlungen auf. Nur ein kleiner Teil davon ist auf bilaterale Schulden zurückzuführen. Es fehlt somit an Mitteln, den sozialen Entwicklungszielen näherzukommen.

Der derzeitige Schuldendienst ist nicht nachhaltig.

Wie lässt es sich dann aber erklären, dass die Regierungen Afrikas keinen Schuldenschnitt einfordern?

Das ist in der Tat eine interessante Frage. Afrikanische Regierungen sind nach wie vor ausgesprochen zögerlich, Schuldendiensterleichterung privater Gläubiger zu beantragen. Die wenigen Ausnahmen sind Staaten, die bereits vor der Pandemie akute Schuldenprobleme hatten.

Natürlich spielt auch das persönliche Prestige der jeweils Regierenden eine Rolle. Um einen Schuldenschnitt zu bitten, wirkt schwach. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten afrikanischen Staaten bislang noch wenig Erfahrung mit dem Kapitalmarkt haben.

Deshalb sind sie sehr besorgt, dass eine Umstrukturierung der Schulden nachteilige Folgen haben könnte. Zum Beispiel könnte auf unabsehbare Zeit der Marktzugang versperrt bleiben. Oder dem Land würde ein Stigma anhaften.

Und da ist nichts dran?

Nein.

Und ohnehin läuft die Drohung des Marktausschlusses ins Leere. Denn afrikanische Staaten sind sowieso schon vom Kapitalmarkt ausgeschlossen. Seit Februar wurden keine Euro-Anleihen mehr verkauft. Dennoch scheint die Panikmache der Investoren zu funktionieren. Die afrikanischen Regierungen sollten mutiger und selbstbewusster sein.

Und die Regierungen des globalen Nordens dürfen nicht akzeptieren, dass ihre Schuldenerleichterungen dazu benutzt werden, internationale Investoren zu retten, die wissentlich große Risiken eingegangen sind. Denn schließlich würde das letzten Endes der Steuerzahler in Deutschland, Frankreich und anderswo zahlen.

Finanzinvestoren zu schonen ist also weder fair noch effizient. Offizielle Gläubiger müssen auf einer vergleichbaren Behandlung privater Gläubiger bestehen. Je früher sie dies tun, desto mehr menschliches Leid kann vermieden werden. Anleihegläubiger sollten aufhören auf Zeit zu spielen und die Realität akzeptieren.

 

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