G20-Finanzministertreffen in Baden-Baden – Eine verpasste Chance für konkretes Handeln
politische Analyse

G20-Finanzministertreffen in Baden-Baden – Eine verpasste Chance für konkretes Handeln

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Am 17. und 18. März fand in Baden-Baden das G20-Finanzministertreffen statt. Neben den klassischen Diskussionsthemen wie die Stabilisierung der Weltwirtschaft lag dieses Jahr ein wichtiger Fokus auf dem Treffen mit den Finanzministern aus fünf eingeladenen afrikanischen Ländern – Côte d’Ivoire, Marokko, Ruanda, Senegal und Tunesien – im Rahmen der „Compacts with Africa“.

Als diesjähriges Gastgeberland hat sich Deutschland zum Ziel gesetzt, eine neue Partnerschaft zwischen den G20-Staaten und afrikanischen Entwicklungsländern aufzubauen, die dazu beitragen würde, Investitionen, Wachstum, gute Regierungsführung und nachhaltige Entwicklung zu befördern.

Der afrikanische Kontinent steht derzeit an einem Scheidepunkt. Die Bevölkerung wird sich bis 2050 von aktuell 1,2 Milliarden Menschen auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln. Mehr als 35 Prozent der weltweiten Jugend wird dann in Afrika leben. Mit intelligenten politischen Maßnahmen und angemessenen Investitionen in Bildung, Beschäftigung und Beteiligung könnte diese demografische Expansion eine wichtige Dividende für den afrikanischen Kontinent und die Welt schaffen.

Leider blieben die Zusagen der Finanzminister in Baden-Baden hinter den Erwartungen zurück. Das Treffen erzielte keine konkreten Ergebnisse und war somit eine verpasste Chance der G20, um sicherzustellen, dass die demografische Entwicklung Afrikas eine „demografische Dividende“ wird.

Stell Dir die Vielzahl an Möglichkeiten für Innovation und Unternehmertum vor, wenn die schnell wachsende jugendliche Bevölkerung Afrikas Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung, Arbeitsplätzen, Internet und vielen anderen Ressourcen hätte, die in wirtschaftlich entwickelten Ländern als selbstverständlich gelten. Das nächste Silicon Valley könnte in Kenia, Nigeria oder Senegal sein. Die nächste Generation von Oxfords oder Harvards könnte in Nairobi, Abuja oder Kinshasa ansässig sein, wenn politische Entscheidungsträger die richtigen Maßnahmen und Investitionen auf den Weg bringen.

Doch ohne diese Investitionen und den notwendigen politischen Willen könnte sich der Aufschwung Afrikas in einen Abschwung verwandeln – sowohl für Afrika als auch für die Welt. 51 Millionen afrikanische Mädchen haben heute keinen Zugang zu Bildung, eine Zahl, die in etwa der gesamten Bevölkerung Österreichs, Belgiens, Ungarns, Portugals und Schwedens entspricht.

 Diese Bildungslücke hat sowohl für die Menschen selbst als auch für die Wirtschaft  reale und negative Konsequenzen. Wenn jedes Mädchen in Subsahara-Afrika die Sekundarschule absolvierte, könnte das Leben von 1,2 Millionen Kindern unter fünf Jahren gerettet werden. Und wenn Mädchen in Entwicklungsländern den gleichen Zugang zu Bildung wie Jungen erhielten, könnten jährlich ca. 101 Milliarden Euro zusätzlich erwirtschaftet werden.

Für die regionale und globale Sicherheit ist es entscheidend, dass der afrikanischen Jugend Teilhabe ermöglicht wird, vor allem durch den Zugang zu Bildung und Beschäftigung. Politische Instabilität, Konflikte und gewalttätige, extremistische Gruppen können dort leichter Fuß fassen, wo große Teile der Bevölkerung – insbesondere Jugendliche – aufgrund anhaltender Arbeitslosigkeit, schlechter sozialer Dienste und Regierungsunfähigkeit oder Korruption hoffnungslos und verbittert geworden sind. Wie die Welt – und vor allem Europa – in den letzten Jahren gesehen hat, können diese Faktoren zu verheerenden und kostspieligen humanitären Krisen führen, mit denen oft eine hohe Anzahl von Menschen auf der Flucht einhergeht.

Deshalb ist es zwingend erforderlich, dass die G20-Staaten und ihre afrikanischen Partner die Chance nicht verpassen, sich zu notwendigen Maßnahmen zu verpflichten. Dies würde sicherstellen, dass die afrikanischen Länder über die Ressourcen und die Unterstützung verfügen, um die „demografische Dividende“ Afrikas in eine Erfolgsgeschichte zu verwandeln.

 Prognosen zufolge wird Afrika 2050 ein Viertel der Weltbevölkerung ausmachen (und fast 40 Prozent im Jahr 2100). Somit werden der wirtschaftliche Wohlstand und die Sicherheit unseres Planeten eng mit Afrika verbunden sein. Wohin Afrika steuert, steuert auch die Welt.

 Um Afrika zu helfen, die „demografische Dividende“ zu nutzen, sollten die G20-Länder wirksame Partnerschaften mit Afrika unterstützen, die sich auf die folgenden drei Bs fokussieren:

  • Bildung: Ausweitung von Programmen, die mehr Mädchen den Zugang zu Bildung ermöglichen (besonders zur Sekundarstufe), und Verbesserung der Lernergebnisse (zum Beispiel durch die Vernetzung jedes Unterrichtraums).
  • Beschäftigung: Signifikante Steigerung von Investitionen in Länder, die sich eindeutig für transparente Politik einsetzen sowie das Schaffen von Anreizen, um das Engagement des privaten Sektors in fragilen Staaten und Schwellenländern zu stärken.
  • Beteiligung: Direkte Unterstützung für Bürger – insbesondere in fragilen Staaten – durch innovative Technologien zur finanziellen Inklusion, Direktzahlungen an Nichtregierungsorganisationen und durch sogenannte „youth ground truth“ Netzwerke, die Bürgern helfen, Gelder bis zum lokalen Level nachzuverfolgen, um sicherzustellen, dass Dienstleistungen auch wirklich erbracht werden.

Die „Compacts“ sollten Maßnahmen priorisieren, die gute Regierungsführung und Rechenschaftspflicht von Regierungen für die verantwortungsvolle Nutzung von Ressourcen fördern, um eine Verbesserung von sozialen Dienstleistungen und der Infrastruktur zu erzielen.

Afrika verliert jährlich mehr als 80 Milliarden Euro an Kapital durch illegale Abflüsse von Geldern. Um sicherzustellen, dass die dringend benötigten Einnahmen Afrikas nicht gestohlen werden, sollten die G20 konkrete Maßnahmen ergreifen, um Geldwäsche und illegale Kapitalflucht einzudämmen. Eine wichtige Transparenzmaßnahme ist etwa die Einführung öffentlich zugänglicher Register mit Informationen über die wirtschaftlich Berechtigten („beneficial owners“) von Unternehmen und Trusts. Ebenso zentral ist die Einführung von „country-by-country-reporting“, das multinationale Unternehmen verpflichtet, öffentlich über ihre wirtschaftlichen Aktivitäten zu berichten – in allen Ländern, in denen sie tätig sind. Dies kann afrikanischen Ländern helfen, ihre Steuerbasis und ihre Einnahmen deutlich zu steigern.

Des Weiteren sollten die G20-Länder eine Verdoppelung der Entwicklungsfinanzierung von derzeit 54 Milliarden Euro auf 108 Milliarden Euro bis 2020 unterstützen, einschließlich der Nutzung von konzessionären (Schenkungselement von mind. 25 Prozent) und nicht konzessionären Finanzmitteln, um die Bedürfnisse der sich verdoppelnden afrikanischen Bevölkerung zu decken. Sie sollten auch eine Erhöhung der Entwicklungsmittel für Bildung von ca. 12 Milliarden Euro auf 24 Milliarden Euro im selben Zeitraum befürworten.

2017 ist das Jahr für konkretes Handeln. Bis zum G20-Gipfel im Juli haben die G20-Länder noch mehrere Möglichkeiten, um konkrete Partnerschaften mit Afrika zu vereinbaren und sicherzustellen, dass die Zukunft Afrikas auf Optimismus und Chancen basiert.

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