Handel und Investitionen

Handel bietet auf lange Sicht den Schlüssel für die Überwindung der Armut. Er kann wirtschaftliches Wachstum fördern und den betroffenen Menschen mehr Chancen eröffnen.

Die Herausforderung

Handel und Investitionen sind für das Wachstum der Wirtschaft in den afrikanischen Ländern ein zentraler Baustein und ein wichtiger Motor für die Entstehung von Jobs und nachhaltigen Erwerbsquellen.

Trotz der beeindruckenden Wachstumsraten in den vergangenen zehn Jahren fiel es den afrikanischen Ländern südlich der Sahara schwer, von den Vorteilen des globalisierten Handels zu profitieren. 1980 betrug der Anteil der Region am Welthandel 3,6 %. Bis 1998 war er auf nur noch 1,3 % gefallen. 2012 lag er gerade einmal bei 2,1 %.

Zudem machen die ausländischen Direktinvestitionen (FDI) in die Region nur einen kleinen Teil der globalen Geldflüsse aus – auch wenn sich die Situation langsam verbessert. Während die globale Finanzkrise einen allgemeinen Rückgang der FDI zur Folge hatte, schlugen sich die afrikanischen Länder südlich der Sahara im Vergleich zu den G8-Staaten relativ gut. Die ausländischen Direktinvestitionen in diese Länder stiegen zwischen 2000 und 2011 auf das Sechsfache von 5,4 Milliarden Euro auf 33,6 Milliarden Euro.

Zudem erholte sich die afrikanische Wirtschaft recht schnell von der Finanzkrise. 2012 lag das Wirtschaftswachstum in der Region im Schnitt bei 5,1 %. Für 2013 rechnet man mit 5,4 % und für 2014 mit 5,7 %. Nur für das boomende Asien werden für diesen Zeitraum höhere Wachstumsraten prognostiziert. Afrika steht jedoch vor der Herausforderung, diese beeindruckenden Wachstumszahlen in eine reale soziale Entwicklung und den Abbau der Armut umzumünzen. Das Wirtschaftswachstum muss nachhaltig und integrativ sein; es muss Jobs und bessere Dienstleistungen entstehen lassen – auch für die ärmsten und am stärksten ausgegrenzten Bevölkerungsteile.

Nahezu die Hälfte der Bevölkerung in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara lebt in Armut. Die Grundlagen für einen globalen und regionalen Handel zu schaffen, ist entscheidende Voraussetzung für das Entstehen nachhaltiger Erwerbsquellen. Die afrikanischen Länder südlich der Sahara haben für den Zugang zu lokalen, regionalen und globalen Märkten einige der größten Hürden zu überwinden.

Die schlechte Verkehrsinfrastruktur und der mangelnde Zugang zu Energie sowie die unterentwickelten Telekommunikationssysteme bilden erhebliche Handelshemmnisse und schrecken Investoren ab. Zudem fehlt es an betriebswirtschaftlichem Wissen, an Kapital für den Aufbau konkurrenzfähiger Industrien und an Finanzdienstleistern, die Unternehmen dabei unterstützen, ihre Ideen umzusetzen. Im Verbund mit der Einfuhrzollpolitik in vielen Industrieländern steigt so die Abhängigkeit von Rohstoffexporten (Bodenschätze und Agrarprodukte) – statt des Verkaufs von Fertigerzeugnissen. Dies sind starke Hemmnisse für die Ausweitung des Handels auf dem gesamten Kontinent.

Zudem sind die afrikanischen Länder südlich der Sahara mit Außenhandelsbarrieren und hohen Einfuhrzöllen konfrontiert, die es einheimischen Produkten erschweren, auf wichtigen Märkten wie den USA und Japan konkurrenzfähig zu sein. Selbst Zollbefreiungen für Ausfuhren aus Afrika sind häufig zu kompliziert oder zu restriktiv, um ihre Wirksamkeit zu entfalten. Bestehende Herkunftsregeln sowie komplizierte Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften, die kleinere oder weniger erfahrene Unternehmen nur schwer vollumfänglich erfüllen können, lassen afrikanische Firmen ins Hintertreffen geraten. Dazu kommt, dass reiche Länder einheimische Erzeuger subventionieren und ihnen so einen unlauteren Vorteil auf dem Weltmarkt verschaffen. 2011 beliefen sich die Agrarsubventionen im Rahmen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf 293 Milliarden Euro. Das sind 0,95 % des Bruttonationaleinkommens dieser Länder. Das ist mehr als das Zehnfache des Betrages, den Sub-Sahara-Afrika im betreffenden Jahr von der OECD an Entwicklungshilfe erhielt.

Innerhalb von Afrika wird der länderübergreifende Handel von einer schlechten regionalen Vernetzung der Infrastruktur und unzureichender Gesetzgebung gehemmt.

 

Die Chance

Ein von Handel und Investitionen getragenes integratives Wirtschaftswachstum ist der Schlüssel für die Überwindung der Armut in der Region. Der Abbau der groben Verzerrungen im Welthandelssystem und Investitionen in die afrikanische Infrastruktur, der Zugang zu Energie sowie die regionale Integration sind für Afrika wichtiger denn je für das Erreichen der Millennium-Entwicklungsziele und die Verringerung der Anfälligkeit gegen kommende Wirtschaftskrisen. Die Entwicklungszusammenarbeit hat dabei eine wichtige Funktion, denn sie kann durch Aufstockung der Mittel für Gesundheit, Bildung und Infrastruktur die Grundlagen für Wachstum und Handel schaffen.

Die Industrieländer können einen funktionierenden Afrika-Handel unterstützen, indem  sie den Zugang zu ihren Märkten verbessern und die handelsbezogene Entwicklungszusammenarbeit ausbauen. Die afrikanischen Regierungen ihrerseits sollten die regionale Handelsintegration vorantreiben. Beide Seiten sollten in die Infrastruktur investieren und Wege finden die Direktinvestitionen zu erhöhen. Selbst wenn sich der Anteil Afrikas am Welthandel nur geringfügig erhöhen würde, hätte dies gewaltige Auswirkungen. 2012 hatte ein Anteil von 1 % am Welthandel einen Wert von 163 Milliarden Euro – das Sechsfache dessen, was die afrikanischen Länder südlich der Sahara in diesem Jahr an Entwicklungszusammenarbeit erhielten.

Das Vermögen, Produkte auf regionale und internationale Märkte exportieren zu können – insbesondere Produkte mit hohem eigenem Wertschöpfungsanteil wie Fertiglebensmittel, Kleidung und andere Fertigerzeugnisse –, wäre für viele afrikanische Länder südlich der Sahara eine enorm wichtige Erwerbsquelle. Im Rahmen des Everything But Arms-Programms (EBA) weitet die EU den zoll- und quotenfreien Zugang für alle Produkte zum europäischen Markt auf alle ärmsten Länder (LDCs) aus. Solche Erfolge ließen sich durch Abschaffung von Einfuhrzöllen und -quoten für alle afrikanischen Produkte einschließlich der Agrarerzeugnisse ausbauen, insbesondere, wenn andere Industrieländer vergleichbare Regeln erlassen. Solche Regelungen könnten bilateral oder im Rahmen der Doha-Runde‘ der Welthandelsorganisation erfolgen.

Eine weitere wichtige Möglichkeit, mit der die Industrieländer den afrikanischen Handel fördern können, sind handelsbezogene Hilfsmaßnahmen (Aid for Trade): Unterstützung beim Abbau von Handelshemmnissen auf dem Kontinent durch technische Hilfe bei der Änderung der Zoll- und Steuerpolitik, die Stärkung von Verkehrs- und Telekommunikations­infrastruktur, die Verbesserung des Zugangs zu Energie, der Ausbau von Finanzdienstleistungen sowie Stärkung von Handelsstrukturen, Bildungssystemen und Vermarktungs­instrumenten. Man schätzt, dass sich jeder einzelne Euro, der in einem Land mit niedrigem Einkommen in Aid for Trade investiert wird, in einem Exportzuwachs in Höhe von neun Euro niederschlägt. Leider sank die handelsbezogene Hilfe für Afrika jedoch von 13,6 Milliarden Euro in 2010 auf 9,3 Milliarden Euro in 2011 und damit weit unter den geschätzten Bedarf. Allein in die Infrastruktur müssten in den kommenden zehn Jahren jährlich 22 Milliarden Euro investiert werden.

Zudem würde sich eine Ausweitung von Handel und Investitionen zwischen den afrikanischen Ländern südlich der Sahara förderlich auf die globale Konkurrenzfähigkeit sowie die Beschäftigungs- und Einkommenssituation auswirken. Der innerafrikanische Handel macht gegenwärtig etwa 10 % des gesamten Handels auf dem Kontinent aus. Dies bewegt sich weit unter den Werten, wie sie für Lateinamerika (22 %) und Asien (50 %) verzeichnet werden. Dennoch entfaltet sich gerade eine beispiellose Dynamik zur Stärkung der regionalen Integration und des innerafrikanischen Handels. In diesem Jahr beschloss die Afrikanische Union (AU) einen Aktionsplan zur Verdopplung des innerafrikanischen Handels und die schnelle Schaffung einer afrikanischen Freihandelszone. 2010 bestand fast die Hälfte (43 %) aller innerafrikanischen Exportgüter aus Fertigerzeugnissen – im Gegensatz zu den 22 % bei den afrikanischen Exporten in die übrige Welt. Daher würde ein Boom des innerafrikanischen Handels auch eine Verringerung des traditionell hohen Anteils der Rohstoffexporte bedeuten.

Regionale Handelskorridore, die Länder per Straße und Schiene miteinander verbinden und Zugang zu Schiffs- und Flughäfen bieten, würden den Transport von Gütern zu den Märkten vereinfachen und die Erwerbsmobilität der Menschen verbessern. Durch Handelsintegration und den damit einhergehenden Wegfall hinderlicher Zölle, beschwerlicher Grenzübertrittsverfahren und Gebühren würde auch der regionale Handel boomen. Die Umsetzung des von der AU beschlossenen PIDA (Programme for Infrastructure Development) wird ein zentraler Baustein für den Ausbau dieser regionalen Vernetzung sein. Eine Reihe afrikanischer Länder verpflichtete sich, die regionale Integration durch Schaffung regionaler Wirtschaftsgemeinschaften und gemeinsamer Märkte zu fördern. Gemeinschaften wie die East Africa Community (EAC), die Southern African Development Community (SADC), die Economic Community of Western States (ECOWAS) sowie der Common Market for Eastern and Southern Africa (COMESA) befinden sich in verschiedenen Stadien der Umsetzung. Einige von ihnen zielen auf die Schaffung eines gemeinsamen Marktes ohne jegliche Einschränkungen ab.