Feb 27th, 2012 6:42 PM UTC
By Katrin Schlegel
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Der Untergang des jahrzehntelangen Apartheid-Regimes in Südafrika eröffnete die Möglichkeit, eine Gesellschaft zu schaffen, in der die Armen und Unterdrückten durch angemessene Arbeit, anständige Wohnbedingungen und ein verbessertes Gesundheitswesen zu menschlicher Würde zurückfinden. Heute wird der Ruf nach einem neuen Gesellschaftsvertrag in Südafrika jedoch immer lauter. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) berichtete Professor Charles Villa-Vicencio auf einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Grenzen der Versöhnung in Südafrika“ am vergangenen Mittwoch von seiner Arbeit für die Kommission und den Grenzen des südafrikanischen Versöhnungsprozesses.
Kompromissbereitschaft sei das böse Wort in der Auseinandersetzung mit Wahrheit und Versöhnung in Südafrika nach dem Ende der Apartheit 1994 gewesen, erklärte Professor Charles Villa-Vicencio, ehemaliger Nationaler Forschungsdirektor der Südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC). Als die TRC seine Arbeit aufnahm, waren alle Südafrikaner dazu eingeladen sich an die schrecklichen Geschehnisse während der Apartheit zu erinnern, die Fakten auf den Tisch zu legen, sie zu analysieren und dann nach vorne zu schauen. 22.000 Opfer und Überlebende haben sich freiwillig dazu bereit erklärt ihre Geschichten zu erzählen. In der Öffentlichkeit und auch im Gerichtssaal. Das Besondere sei gewesen, so Villa-Vicencio, dass den Tätern schließlich Amnestie in Aussicht gestellt wurde – im Gegenzug zur vollständigen Offenlegung der Ereignisse von 1948 bis 1994. „Die meisten Afrikaner damals wie auch heute waren mit diesem Kompromiss einverstanden“, sagte Villa-Vicencio. 20.000 Täter hätten um Amnestie gebeten, nur 5.000 hätten sie erhalten.
Die Mitglieder der von der Regierung der Nationalen Einheit eingerichteten Kommission formulierten Mitte der 1990er Jahre konkrete Empfehlungen für einen effektiven Versöhnungsprozess. „Die Tragödie bestand jedoch darin“, so der ehemalige Forschungsdirektor der Kommission, „dass es fünf Jahre dauerte bis die Regierung schließlich auf die Empfehlungen reagierte.“ Entschädigungszahlungen für die Opfer und die Strafverfolgung der Täter waren die wichtigsten dieser Forderungen, doch die Regierung reagierte zurückhaltend. Die Reparationen wurden erheblich gekürzt und gegen weniger als zehn Täter wurde ein Gerichtsverfahren eingeleitet.
„Ich glaube nicht“, resümiert Villa-Vicencio, „dass wir den Versöhnungsprozess gut bewältigt haben.“ Die Regierung, die „von der Ärmsten der Armen gewählt wurde“, habe sehr schnell nach vorne geschaut. „Wir hätten die Ärmsten der Armen auf eine positivere Weise mit uns mit nehmen sollen“, ist Villa-Vicencio überzeugt. Die Mehrheit der südafrikanischen Wähler sei arm und man würde von einer Regierung erwarten, verstärkt auf die Bedürfnisse dieser Menschen einzugehen. Entscheidend damals aber war, den wirtschaftlichen Fortschritt Südafrikas sicherzustellen. Wie hätte dieses Ziel mit der gerechten Verteilung von Gütern und Mitteln zwischen den Armen und Reichen vereinbart werden sollen?
Die sogenannte Politik des “Black Economic Empowerment”, eine Initiative um den ehemals benachteiligten Bevölkerungsgruppen des Apartheid-Regimes neue wirtschaftliche Möglichkeiten zu bieten, die ihnen vorher verwehrt blieben, habe zu einer Kultur der Selbstbereicherung geführt. „Korruption ist weit verbreitet unter denen, die heute die politische Macht innehaben und morgen in der Wirtschaft tätig werden.“ Dies müsse bekämpft werden und, so sprach Villa-Vicencio weiter, „hoffe ich, dass auch Deutschland diesen Kampf gegen Korruption unterstützen wird.“
Bestürzt zeigte sich der ehemalige Forschungsdirektor der TRC auch über Vorfälle von Gewalt gegen weiße Farmer in Südafrika im Rahmen der Land- und Bodenreform (ONE berichtete). An diesen Ereignissen zeige sich ganz deutlich die Grenze eines Versöhnungsprozesses gegenüber entwicklungspolitischen Faktoren, so Villa-Vicencio. Während die schwarze Bevölkerung erst nach Rückgabe ihrer Ländereien den Versöhnungsprozess Südafrikas akzeptieren könne, dürfe der Faktor der wirtschaftlichen Produktivität nicht ignoriert werden. Die ansteigende Zahl brutaler Überfalle auf weiße Farmer seit dem Ende der Apartheit führte zu einer rapiden Schrumpfung des südafrikanischen Agrarsektors. Nach Aussagen der Bauernfunktionäre sei nun die Versorgung der 50 Millionen Einwohner Südafrikas gefährdet.
– Katrin Schlegel–
TAGS: ONE, Regierungsführung, Südafrika
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