Die Welt braucht einen AIDS-Impfstoff

Heute berichten unsere Kollegen von IAVI, das ist die “International Aids Vaccines Initiative”, über ihre Initiative und darüber, wo die Welt steht bei der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Aids. Sehr lesenswert…

Seit 30 Jahren schockt der HI-Virus die Welt. Der Immunologe Dr. Michael Gottlieb von der University of California in Los Angeles beschrieb im Juni 1981 im „Morbidity and Mortality Weekly Report“ der US-Gesundheitsbehörde erstmals die Symptome von AIDS. Seit jenem Zeitpunkt hat sich diese Krankheit von einer lokalen Epidemie in eine globale Pandemie verwandelt. Bisher haben sich mehr als 60 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert und mehr als 30 Millionen starben. Täglich infizieren sich noch immer mehr als 7.000 Menschen. 95% der HIV Infizierten lebt in Entwicklungsländern, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Laut der WHO ist HIV/AIDS die Haupttodesursache von Frauen im gebärfähigen Alter in Afrika südlich der Sahara.

HIV/AIDS gefährdet die Verwirklichung vieler Millenniumsentwicklungsziele. Dies gilt nicht nur für die Bekämpfung von HIV/AIDS, sondern auch für die Beseitigung extremer Armut oder für die Vermindering der Kindersterblichkeit. Außerdem entwickeln HIV-Infizierte in einem Jahr eine 50 mal größere Anfälligkeit an TB zu erkranken als nicht Infizierte, den bei einer von vier TB Todesfällen lag eine HIV Infektion vor.

Obwohl immer mehr AIDS-Patienten lebensrettende antiretrovirale Medikamente erhalten, genügen die Behandlungserfolge nicht, um im Kampf gegen AIDS entscheidend voranzukommen: denn auf einem mit antiretroviralen Medikamenten behandelten AIDS-Patienten kommen zwei Menschen, die sich neu mit HIV infizieren. Dadurch wird das Thema der Behandlungskosten auch als großes öffentliches Gesundheitsproblem weltweit diskutiert. Laut offiziellen Schätzungen werden sich bis 2030, die Mittel im Kampf gegen AIDS in Entwicklungsländern bei geschätztem jährlichen Bedarf von 35 Mrd. US$ (ca. 25 Milliarden Euro) verdreifachen, also sich auf 500 Mrd. US$ (ca. 367 Milliarden Euro) belaufen, dabei ist nicht zu vergessen,  dass sich jährlich weiterhin mehr als eine Million Menschen infizieren werden. Deshalb sind langfristige und nachhaltige Bekämpfungsstrategien, wie Impfstoffe, Mikrobizide (=vaginale Gels, die AIDS Medikamente enthalten), PrEP (=vorbeugend eingenommene HIV Medikamente) genauso wichtig wie universeller Zugang zu HIV Medikamenten. Sogar wenn HIV Medikamente billiger werden würden, sind langfristig gesehen AIDS Impfstoffe die kostengünstigste Maßnahme, um die Pandemie einzudämmen, denn mit jeder verhinderten Infektion kann man die lebenslangen Behandlungskosten abwenden.

Die Entwicklung eines AIDS-Impfstoffes ist kein Sprint, sondern ein Marathon, es ist eine langwierige, komplizierte Angelegenheit. Die Geschichte lehrt uns, dass auch für die Entdeckung anderer Impfstoffe wie z.B. gegen Pocken, Kinderlähmung, Tetanus oder Röteln mehrere Jahrzehnte vergangen sind. Nach Schätzungen kann ein zu 50% wirksamer Impfstoff, der nur 30% der Bevölkerung verabreicht würde, die Zahl der Neuinfektionen in Entwicklungsländern in einem Zeitraum von 15 Jahren um 24% verringern. Ein AIDS-Impfstoff bietet daher die Möglichkeit AIDS langfristig auszurotten und  würde vor allem in patriarchalischen Gesellschaften auch die ultimative von Frauen kontrollierbare Vorbeugungsmethode. Die Erforschung von AIDS-Impfstoffen ist sehr kostenintensiv, wird aber kaum durch unternehmerische Mittel gedeckt. Nur 3% der globalen Investitionen in HIV Impfstoffforschung werden von der Industrie getätigt. Wissenschaftliche Risiken, unrentable Märkte sind der Grund dafür.

Deshalb wurde IAVI, die International AIDS Vaccine Initiative als erste non-profit Produktentwicklungspartnerschaft 1996 gegründet, mit der Mission, die Entwicklung eines sicheren, effektiven, frei zugänglichen und präventiven AIDS Impfstoffes weltweit zu beschleunigen. IAVI schließt eine wichtige Lücke in der angewandten AIDS-Impfstoffforschung, indem sie öffentliche und private Fördermittel mobilisiert,  um diese in die Forschung und Entwicklung (FuE) der vielversprechendsten Produktkandidaten unter Einbeziehung verschiedener Kooperationspartner der Privatwirtschaft und öffentlicher Einrichtungen zu investieren. IAVI arbeitet weltweit mit mehr als 60 akademischen, biotechnologischen, pharmazeutischen und staatlichen Institutionen zusammen. IAVI engagiert sich auch im politischen Bereich, führt Kampagnen und Politikforschung durch, um ein positives Umfeld für die FuE eines AIDS-Impfstoffes zu schaffen und arbeitet mit lokalen Gemeinschaften in Entwicklungsländern, um die an den Versuchsstandorten lebenden Menschen in den Prozess der Impfstoffversuche einzubeziehen. Die Arbeit mit Partnern in Entwicklungsländern hilft Rahmenbedingungen zur Durchführung von Tests innerhalb der Länder zu schaffen und den Weg für zukünftige Verfügbarkeit und Anwendung zu ebnen. Außerdem sind diese Partnerschaften zentraler Bestandteil bei der Suche nach einem Impfstoff. 2003 hat IAVI die ersten AIDS Impfstoffversuche gemeinsam mit der Universitäten Bonn und Hamburg in Deutschland durchgeführt. Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) und die Deutsche AIDS Stiftung (DAS) sind IAVI’s offizielle Partner und leisten gemeinsam mit IAVI Aufklärungsarbeit zu AIDS-Impfstoffen in Deutschland.

2009 hat es große Fortschritte in der AIDS-Impfstoffforschung gegeben. Eine groß angelegte Studie in Thailand zeigte, dass ein AIDS-Impfstoff gefunden werden könnte. Dabei konnte eine HIV Infektion in einer von drei Personen verhindert werden. Ebenso konnte IAVI gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern mehr als ein Dutzend breit neutralisierende Antikörper isolieren, die viele HIV Typen von der Infektion von Zellen abhalten können. Die Ergebnisse all dieser Studien sind sehr aufschlussreich, um eine neue Generation von Impfstoffkandidaten zu entwickeln, mit dem Ziel, diese auch in Wirksamkeitsstudien zu testen. Obwohl es sehr positive Meilensteine in der AIDS-Impfstoffforschung in den letzten Jahren gegeben hat, sind globale Investitionen in die AIDS-Impfstoffforschung zurückgegangen. Europa unterstützt finanziell gesehen mit nur 10% die gesamten globalen Forschungsausgaben für die HIV Impfstoffforschung, 80% kommen von den USA. Europäische Investitionen in HIV Imfpstoffforschung gingen in den letzten 5 Jahren sogar um ca. ein Viertel zurück.

Es ist sehr begrüßenswert, dass am UNO-Gipfel in New York im Juni 2011 zahlreiche Staats- und Regierungschefs ab Mittwoch die künftige globale Strategie im Kampf gegen HIV und AIDS festgelegt und beschlossen haben, dass auch die Forschung und Entwicklung eines AIDS Impfstoffes vorangetrieben werden sollte.

Deutschland hat kürzlich ein neues Finanzierungskonzept von 20 Millionen Euro für Produktentwicklungspartnerschaften im Bereich armutsbedingter Krankheiten für die nächsten Jahre vorgestellt, jedoch bei der ersten Ausschreibung die Förderung von AIDS-Impfstoffforschung nicht berücksichtigt. AIDS gehört nach wie vor zu den größten Killerepidemien der Geschichte. Bei weiter steigenden Infektionszahlen wird es immer schwieriger auch langfristig Kombinationstherapien für alle Erkrankten auf Dauer zu finanzieren. Deshalb sind langfristige und nachhaltige Bekämpfungsstrategien, wie Impfstoffe und Mikrobizide genauso wichtig. Deutschland als eine der führenden Volkswirtschaften Europas und der Welt kann in humanitärer, wissenschaftlicher und finanzieller Hinsicht eine leitende Rolle bei der Beschleunigung und Internationalisierung der AIDS-Impfstoffforschung einnehmen.

- Nadia Rozendaal, IAVI (International AIDS Vaccine Initiative) -