Das Ende von Aids? Eine Analyse von ONE


23.02.2010 18:45Uhr
von Carola Bieniek

Wenn man sich häufig mit Fragen globaler Gesundheit beschäftigt, fällt es einem schwer, auf Überschriften wie „Aids: Ist das Ende in Sicht?” oder „Aids ‚könnte in den nächsten fünf Jahren unter Kontrolle gebracht werden‘“ nicht mit Hoffnung oder gar Begeisterung zu reagieren.

Tanzania Pharmazeutical Industries - ONE - Oktober 2009Tatsächlich gab es in den letzten Tagen einige Aufregung rund um die Antiretrovirale Therapie (ART). Kommentare von mehr und mehr Wissenschaftlern deuteten darauf hin, dass die ART nicht nur therapeutisch sondern auch präventiv eingesetzt werden könnte. Man müsse sich dafür einsetzen, dass jeder, der HIV-positiv ist, auch eine ART erhält. Weil dies nicht nur kurzfristig Leben rettet, sondern auch die Ansteckungsgefahr senken könnte – sogar soweit, dass das Virus ausgerottet werden könnte. Diese Wissenschaftler, unter ihnen Dr. Brian Williams vom Südafrikanischen Zentrum zur Modellierung und Analyse von Epidemien, argumentieren so: Weil die ART die Virenbelastung des Patienten stark reduziert, ist auch die Gefahr der Weitergabe des Virus weit weniger gering. Wenn es also gelänge, alle Betroffenen mit einer ART zu versorgen, würden die Ansteckungsraten sinken. Laut Dr. Williams könnte Aids damit innerhalb von 40 Jahren ausgerottet sein.

Obwohl Konzepte wie diese wie eine Offenbarung klingen mögen, sollten Aktivisten und politische Entscheider gleichermaßen auch folgendes bedenken, was die Begeisterung vielleicht ein wenig senken wird:

  1. Kosten: Wissenschaftliche Schätzungen gehen davon aus, dass eine flächendeckende Versorgung mit ART allein in Südafrika $3 bis 4 Mrd. pro Jahr kosten würde. Insbesondere in Zeiten weltweiter finanzieller Einschränkungen und in Anbetracht der bereits hohen Ausgaben im Bereich HIV/Aids weltweit, scheinen die Kosten dafür kaum berechenbar.
  2. Nebenwirkungen: Die Wirksamkeit der ART hat sich in den letzten zehn Jahren dramatisch verbessert. Neuere HIV/Aids-Medikamente sind weitaus „nutzerfreundlicher”. Doch jemanden auf eine antiretrovirale Therapie zu setzen ist noch immer weitaus komplizierter als etwa Aspirin zu verschreiben. Die lebensrettende Wirkung von ART ist selbstverständlich signifikant und soll nicht heruntergespielt werden, doch die Nebenwirkungen sind oft extrem unangenehm. Dazu gehören Übelkeit, Durchfall, Schlaflosigkeit, Migräne, chronische Müdigkeit und Depressionen. Und die älteren ART, die oftmals billiger, aber weniger wirksam sind, haben häufig noch schlimmere Nebenwirkungen.
  3. Resistenzen: Alle HIV-positiven Menschen, auch die, denen es besser geht und die höhere CD4-Zellwerte haben, auf eine ART zu setzen, wird mit großer Sicherheit zu Resistenzen führen bzw. die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen. Dies gilt insbesondere für die Medikamente, die derzeit die „erste Wahl“ bei der Behandlung von HIV/Aids sind. Und wenn wir mehr und mehr Menschen die neueren Medikamente geben wollen, die bei weniger Nebenwirkungen besser wirken, werden sich auch die Kosten für Forschung und Produktion dieser Medikamente erhöhen. Und das bringt uns wieder zurück zum ersten Punkt.
  4. Machbarkeit: Wir sind weit gekommen: in der Verbesserung von Gesundheitssystemen und darin, Gemeinden überall in Afrika und den Entwicklungsländern weltweit mit ART zu versorgen. Und trotzdem gibt es noch viele weitere Millionen Menschen, die – nach Maßgabe der WHO – heute schon eine ART erhalten sollten und die keinen Zugang dazu haben. Allein geschätzt 33 Millionen Menschen, die mit dem HI-Virus infiziert sind, Zugang zu modernen antiretroviralen Therapien geben zu wollen, würde nicht nur eine massive Aufstockung des Personals im Gesundheitssektor voraussetzen, es würde auch weit mehr Testeinrichtungen sowie eine Ausweitung der Medikamentenproduktion wie auch der Informationsdienstleistungen für die Betroffenen notwendig machen. Und nicht zu vergessen, dass die Betroffenen häufig unter Ko-Infektionen mit Tuberkulose, Malaria, vernachlässigten Tropenkrankheiten oder anderen Krankheiten leiden.

Obwohl wir die Probleme bedenken, ist die Ausweitung der Versorgung mit antiretroviralen Medikamenten für ONE eine Priorität und im weltweiten Kampf gegen HIV und Aids ein wichtiger Schwerpunkt. Im kommenden Jahr ist geplant, in Südafrika – wo HIV/Aids sehr verbreitet ist – den ersten kontrollierten klinischen Test zur Untersuchung des Einflusses der ART auf die Übertragungsraten durchzuführen. Auf die Ergebnisse sind wir jetzt schon sehr gespannt. Wenn sie positiv ausfallen, könnte dies nahelegen, dass es doch sinnvoll ist, in Regionen mit besonders hohen HIV-Raten die Behandlung massiv auszuweiten. So könnte dies am Ende nicht nur zur Behandlung sondern auch zur Verhütung von Aids beitragen.

– Erin Hohlfelder –

Schlagworte: Erin Hohlfelder, Favoriten, HIV/Aids, Politik Aktuell, Südafrika

 



1 Kommentare

  1. Martina Bedregal Calderónsays: 24.02.2010 17:00 Uhr

    24.02.2010 at 17:00

    Die Frage ist, ob die Pharmaindustrie dabei mitmacht. Denn die verdient Millionen mit Medikamenten, die die Symptome von Aids unterdrücken. Siehe auch meinen Kommentar dazu auf dem englischen Blog von ONE.

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