Vergangenen Samstag führte die haitianische Kanadierin und ONE-Unterstützerin Michèle Bertol die ONE-Delegation zur Petitionsübergabe für Haitis Schuldenerlass an. Übergeben wurde die Petition an die im kanadischen Iqaluit / Nunavit versammelten G7-Finanzminister.
Ein abgelegener Ort als dieser 7.000-Seelen-Ort nahe dem Polarkreis ist für ein internationales Gipfeltreffen kaum vorstellbar. Wir befürchteten schon, die Übergabe unserer Petition inklusive der 200.000 Unterschriften könnte scheitern – als wir Michèle fanden.
Ich hatte Gelegenheit, mich mit Michèle darüber zu unterhalten, warum Haiti ihr so wichtig ist und wie um alles in der Welt sie fast am Nordpol gelandet ist.
ONE: Also, wie ist Deiner Meinung nach die Übergabe der Petition gelaufen?
Michèle Bertol: Sehr gut. Alles war sehr gut organisiert. [Der kanadische Finanzminister] Jim Flaherty konnte leider nicht an der Übergabe teilnehmen. Doch stattdessen trafen wir Derek Vanstone, Minister Flahertys Stabschef. Minister Flaherty wusste allerdings genau, dass wir ihn erwarteten. Eine Stunde zuvor hatte er eine Pressekonferenz abgehalten und darin gesagt, dass die G7 den Schuldenerlass für Haiti unterstützen. Wir hatten deshalb schon vor der Übergabe ein sehr gutes Gefühl.
Wir wollten, dass das Foto unsere arktische Umgebung wiedergibt. Obwohl wir drinnen waren und ein G7-Schild vorbereitet hatten, ließen wir die Jacken bei der Petitionsübergabe an und banden unsere T-Shirts zu Armbinden, damit man dem Bild auch wirklich ansieht, dass es im Hohen Norden aufgenommen wurde.
ONE: Erzähl uns ein bisschen mehr darüber, wie Du in der kanadischen Arktis gelandet bist. Immerhin bist Du ja in Haiti geboren.
MB: Ich wurde in Haiti geboren. Aber als ich acht Jahre alt war, entschieden meine Eltern, dass wir das Land verlassen müssen – wir lebten in einer schrecklichen Diktatur, und wie viele andere Mittelklasse-Haitianer hatten wir Angst um unsere Zukunft.
Damals konnte man sich noch aus den USA heraus um eine Green Card bewerben. Also stiegen meine Mutter und ich in ein Flugzeug und machten uns mit einem zweiwöchigen Urlaubsvisum auf nach New York. Wir hatten nur wenig Gepäck dabei, als fuhren wir nur in die Ferien.
Ein Jahr später kamen auch mein Vater und meine kleine Schwester nach. Zusammen zogen wir nach Montreal, wo ich den Großteil meiner Jugend verbrachte. Ich wurde Stadtplanerin, heiratete, und dann bekam mein damaliger Ehemann dieses großartige Jobangebot im nördlichen Kanada. Also zog er erst einmal allein hier hoch. Wenige Monate später wurde dann auch noch eine Stelle als Stadtplanerin frei. Und jetzt bin ich schon über zwanzig Jahre hier!
Ich habe am eigenen Leib festgestellt, dass ich genetisch gesehen für heißes Wetter gemacht bin. Meine Vorfahren waren alle darauf ausgerichtet, die Hitze auszuhalten, von daher war der Umzug in den Norden auch eine körperliche Herausforderung. In der Sprache der Ureinwohner hier nennen sie mich auch „die Eingehüllte” – weil ich, wenn alle anderen vier Lagen tragen, zwölf Lagen anziehe. Aber ich brauche das, um zu überleben!
Doch auch wenn Temperaturen von -40 °C sehr unangenehm sind, würde ich das Leben hier oben im Norden gegen nichts in der Welt eintauschen wollen.
ONE: Warum war es Dir so wichtig, die Petition zu übergeben?
MB: Obwohl ich den Großteil meines Lebens in Kanada verbracht habe, bin ich doch in Haiti geboren worden. Und ich habe dort auch noch immer Familie. Als ich sah, was passiert war, fing mein Herz zu weinen an. Zuerst trauerte ich um meine Familie, doch ihr geht es gut. Aber dann fühlte ich auch eine große Traurigkeit darüber, was in meinem Geburtsland geschehen ist.
Ich fühle mich Haiti tief verbunden. Auf all den Bildern im Fernsehen oder in Zeitschriften erkannte ich in den Menschen mich selbst. Ich habe das Ausmaß der Katastrophe ganz nah bei mir gefühlt. Also tat ich alles, was ich als Einzelne tun konnte, um zu helfen. Und da war ich natürlich sehr glücklich, ONE bei seiner Initiative für Haitis Schuldenerlass unterstützen zu können.
ONE: Warum denkst Du, ist die Arbeit von ONE wichtig für Länder wie Haiti?
MB: Bei ONE sucht jeder Unterstützer über sich selbst hinaus das große Ganze. Die zwei Millionen Menschen, die ONE unterstützen, und die 200.000 Unterzeichner dieser Petition haben eins gemeinsam: sie sehen mehr als nur Hautfarbe oder geographische Lage, mehr als nur Tradition oder Alter. All das ist für sie zweitrangig, im Vordergrund steht die Tatsache, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Und mit einem Herzen, das so in die Welt blickt, kann man alles erreichen. Das hier ist das beste Beispiel: Menschen, die das Schicksal anderer Menschen nicht kalt lässt, können Berge versetzen, wenn sie sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen.
ONE: Möchtest Du den ONE-Unterstützern draußen, die die Petition unterzeichnet haben, noch etwas mit auf den Weg geben?
MB: Im Namen unserer kleinen Gruppe hier im Norden möchte ich Euch und allen ONE-Unterstützern für Eurer aufrichtiges Mitgefühl angesichts der Not der Haitianer danken. Eure Arbeit verkörpert das Wesen menschlichen Mitgefühls. ONE hat sein Ziel erreicht und es sieht ganz so aus, als sei Haitis Schuldenerlass nur noch eine Formalität. Als Haitianerin und im Namen aller Haitianer möchte ich euch dafür danken, dass ihr Haiti eine Chance gegeben habt.
– Brie O’Keefe –
1 Kommentare
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Der Inhalt der Beiträge und Kommentare spiegelt die Meinung der Autoren wider und entspricht nicht immer den Ansichten von ONE.
10.02.2010 at 11:45
Noch einmal möchte ich darauf hinweisen, dass Mitgefühl, das Unterzeichnen der Petition und auch der Schuldenerlass zwar wichtige und positive Grundlagen sind, aber alleine nicht ausreichen werden, um Haiti auf den Weg in den Wiederaufbau und eine stabilere wirtschaftliche und politische Lage zu bringen.
Es wird wichtig sein, Demokratie in Haiti mehr zu verankern und zu sichern, Wirtschaftszweige wie z. B den Tourismus zu fördern, Korruption und einem erneuten Auseinanderklaffen zwischen Arm und reich entgegenzuwirken und vieles mehr. Und wer soll das bewerkstelligen?
Die meisten Haitianer selber kämpfen seit Jahrzehnten und besonders jetzt ums Überleben, udn das wird vorerst ihr Hauptziel sein.
Die UNO? Man hat in vielen Ländern gesehen, dass die UNO auch nicht immer das erreichen kann, was ich oben erwähne.
Die Staatengemeinschaft? Bestimmte Staaten werden sicherlich versuchen, sich Vorteile in Haiti, sei es politischer oder wirtschaftlicher Natur, zu sichern.
Die Entwicklungsdienste und NGOs? In gewissem Rahmen vielleicht.
Haiti wieder “auf die Beine zu bringen” udn zu stabilisieren zumWohl aller Haitianer und nicht nur einer kleinen Gruppe wird eine sehr große Herausforderung sein. Und kaum zu schaffen sein, denn die derzeitigen globalen Strukturen stehen eher dagegen.