Rückkehr nach Äthiopien

10.11.2009 20:32Uhr
von ONE Deutschland

Jamie Drummond, Mitgründer und Vorstand von ONE, war auf einer sehr persönlichen Reise

Vor 25 Jahren fühlte ich, ich musste handeln. Wie viele meiner Generation wurde ich geradezu dazu aufgerufen. Durch Bilder von Dürre und Hunger – und von ein paar zotteligen irischen Rockstars (mit denen ich jetzt seit einem Jahrzehnt zusammen arbeite). Die Hungersnot in Äthiopien und die Reaktion der Welt darauf mit BandAid und LiveAid prägten das Bild Afrikas für eine ganze Generation und initiierten eine Reihe konzertierter Aktionen zum Kampf gegen extreme Armut.

Ein Vierteljahrhundert ist vielleicht ein guter Zeitpunkt um zu fragen, wie die Hilfszahlungen gewirkt und gearbeitet haben und wie sich ein Modell von Lobbyarbeit schlägt, das mit bekannten Persönlichkeiten arbeitet.

Vor ein paar Wochen kehrte ich nach Tigray in Nord-Äthiopien zurück. Ich wollte mir dort noch einmal die Auswirkungen der Arbeit von BandAid und dem Welternährungsprogramm ansehen. Das letzte Mal war ich 1995 in dieser Gegend und hatte ein Dorf namens Daereda besucht. Dürre und eine verzweifelte Bevölkerung hatten das Tal damals aller Bäume und Sträucher beraubt. Fruchtbares Erdreich war durch die jahreszeitlichen Springfluten weggewaschen. Damals waren viele der Dorfbewohner dankbar für die Nahrungsmittelhilfe die sie bekommen hatten und bedankten sich bei der westlichen Öffentlichkeit und einem seltsam fernen Ding namens Geldof.

Aber sie wollten mehr als Zuteilungen. Sie wollten ihr Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen und den physischen Schaden an ihrem Land heilen. Die Nahrungsmittelhilfe ermöglichte ihnen genau das. Sie erhielten sie durch das so genannte „Essen für Arbeit“-Programm (food for work). Zu Tausenden machten sich Teams daran, Bäume zu pflanzen, Terrassen anzulegen, um Erdreich und Wasser zurückzuhalten, Teiche auszuheben und Dämme aufzuschütten. Alles, um die Fruchtbarkeit des Landes zu erhöhen. Die Resultate kann man heute sehen. Sie sind erstaunlich. Das Tal ist üppig und grün. Der Fluss fließt das ganze Jahr über. Das Land ist fruchtbar.

Diese Erfolgsgeschichte wurde in den Tälern in ganz Tigray wiederholt. Die Region bekam Besuch von vielen Experten, um zu sehen, was gemacht worden war. Und obwohl wir momentan wieder Bilder des Hungers aus Äthiopien sehen ist dies nicht die einzige positive Geschichte, die in den letzten zehn Jahren aus Äthiopien zu vermelden ist:
Das Land hat die Todesrate für Malaria mit Hilfe insektizidbehandelter Moskitonetze halbiert. Die Einschulungrate wurde verdoppelt. Das Wirtschaftswachstum lag ein Jahrzehnt lang über 5 Prozent. Im Durchschnitt der letzten drei Jahre sogar bei 7 Prozent.

Aber Teile des Landes und der Region stehen immer noch am Rande des Hungers. Das könnte einen schnell dazu verleiten zu denken, dass sich in 25 Jahren nichts verändert hat. Keine seriöse Untersuchung könnte ernsthaft zu diesem Ergebnis kommen. Aber es ist trotzdem inakzeptabel, dass heutzutage noch immer 14 Millionen Äthiopier auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind – und das für manche die Zuteilungen gekürzt werden.

Was ist die Antwort?

Die Antwort ist – wie so oft – komplex. Der Klimawandel führt zu immer häufigeren Dürren und überfordert die Anpassungsfähigkeit vieler ländlicher Gemeinden. Es wurde nicht genug Geld in die Straßennetze auf dem Land gesteckt und die Regierung hat weder Mobiltelefone noch die Entwicklung lokaler Märkte zugelassen. Und obendrein wurde auch weltweit der Landwirtschaft nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet. Der Bereich Landwirtschaft schrumpfte von 17 Prozent der Entwicklungsausgaben im Jahr 1980 auf gerade mal 3,8 Prozent 2006. Es ist kaum zu fassen dass wir nach den Hungernöten der 80er Jahre nicht in langfristige, regionale Ernährungssicherheit und landwirtschaftliche Produktivität investiert haben. Weltbank und IWF haben in ihren damaligen Strukturanpassungsprogrammen sogar davon abgeraten. Die internationale Entwicklungsgemeinde muss sich jetzt schon sehr unangenehme Fragen stellen lassen, wie das passieren konnte.
Immerhin: dieses Jahr haben die G8-Staaten zugestimmt, $20 Mrd. in landwirtschaftliche Produktivitätssteigerungen zu investieren. Der neue Politikfokus ist natürlich willkommen – allerdings bleibt noch unklar, wie viel davon wirklich neue Gelder sein werden. Es ist auch klar, dass deutlich mehr erforderlich sein wird, um Afrikas verarmte Landbevölkerung eine Anpassung an den Klimawandel zu ermöglichen. Diese Investitionen müssen schnell fließen, in Pläne, die Regierungen vor Ort gemacht haben. Daraus kann die mittel- bis langfristige Antwort entstehen, während wir dieses Jahr wieder schnell kurzfristige Nothilfe verteilen müssen.

25 Jahre später

25 Jahre später. Wie lautet die Bilanz von Lobby- und Kampagnenarbeit mit prominenten Künstlern? Bob Geldof und Bono haben einen Schritt vollzogen: vom Spendensammeln zur Arbeit an Schuldenerlass und den tiefer liegenden, strukturellen Ursachen der Armut. Die weitgehend erfolgreiche Kampagne „Drop the Debt“, die sie zusammen mit vielen weiteren leidenschaftlichen Aktivisten unterstützten, wuchs weiter in die Kampagne „Make poverty history“ und die Live8-Konzerte 2005. Bono und Bob sind jetzt Teil von ONE, einer Lobby- und Kampagnenorganisation für Afrika mit weltweit mehr als zwei Millionen Unterstützerinnen und Unterstützern.

Wegen der starken Bewegung in unserem Land ist das Vereinigte Königreich zu einem bemerkenswerten Akteur der Entwicklungszusammenarbeit geworden. Gordon Brown hat als unermüdlicher Lobbyist der Ärmsten eine Führungsrolle in der Welt eingenommen. Dafür hat Bono ihn vor wenigen Wochen bei einem Parteitag der Labourpartei ausdrücklich gewürdigt. Die Liberaldemokraten und die Konservativen unterstützen gleichermaßen das Ziel, Großbritanniens Versprechen zu halten: 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung der Entwicklungszusammenarbeit zu widmen und weiter die Qualität der Hilfe zu verbessern.
In Anerkennung dieses parteiübergreifenden Ansatzes richtete sich Bono dann in einer Videobotschaft auch an die Konservativen. Eine einfache Art zu betonen, dass Großbritannien auf dem Weg der Armutsbekämpfung weitermachen muss – egal welche Partei nach den Wahlen an der Macht ist.

25 Jahre nach der großen Hungersnot in Äthiopien sind ihre Auswirkungen mit Händen zu greifen. Kampagnenorganisationen, berühmte Künstler, Unternehmer und ehemalige Präsidenten widmen ihre Kraft dem Kampf gegen extreme Armut. Was früher eher ein kleiner Bach war ist heute „Mainstream“, vielleicht sogar „Pop“, und klar, es gibt Leute, die hassen das.

Aber nach 25 Jahren kann diese große, etwas chaotische Bewegung zusammen mit vielen afrikanischen Persönlichkeiten und Gruppen feiern. Sie kann feiern – und beschleunigen. Die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr ist wirklich so etwas wie das größtmögliche Schaulaufen für die faszinierende Eigendynamik sein, die dieser Kontinent gewonnen hat. Das Schlagwort „Africa Rising“ ist im Begriff, mehr und mehr das alte „Africa Starving“ vergessen zu machen.
Wir aber – in der Welt der Entwicklungszusammenarbeit – müssen aus Fehlschlägen lernen. Afrikanische Experten hatten lange zuvor mehr Investitionen in die Landwirtschaft gefordert. Sie wurden ignoriert.

In Zukunft müssen wir Bischof Tutus Rat befolgen: sicher stellen, dass wir „zuhören, was die Afrikaner wollen und Afrikaner selbst ihre Entwicklung vorantreiben“. Glaubwürdige und prominente Persönlichkeiten als Afrika-Lobbyisten können diesen Prozess unterstützen: indem sie die Menschen zur Diskussion über Erfolge und Fehlschläge ermutigen, indem sie afrikanische Stimmen dabei unterstützen, die Debatte zu führen und dann zurücktreten.

– Jamie Drummond

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Schlagworte: Allgemeines, Bob Geldof, Bono, Favoriten, Gesundheit von Müttern und Kindern, Jamie Drummond, Klimawandel, Landwirtschaft, Malaria, Welternährungsprogramm (WFP), Äthiopien

 

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