Roger Thurow über die moralische Notwendigkeit, den Hunger zu attackieren


19.10.2009 17:30Uhr
von Carola Bieniek

Roger ThurowVor kurzem hatten wir die Ehre, Roger Thurow, Korrespondent des Wall Street Journal und Autor des Buches „Enough – Why the World’s Poorest Starve in a Age of Plenty“, in unserem Büro zu einer kleinen Expertenrunde zum Thema Nahrungsmittelkrise, Finanzkrise und die Folgen für Afrika zu begrüßen. Hier ein paar ausgewählte Fragen und Rogers Antworten:

Ihr Buch „Enough” beschreibt die globale Hungerkrise als Folge politischer Entscheidungen. Was sind die drei wichtigsten politischen Maßnahmen, die aus Ihrer Sicht notwendig sind, um diese neu entflammte Krise zu bewältigen?

Der politische Wille ist am wichtigsten – der Wille der politischen Eliten der Welt, das Problem Hunger wirklich anzugehen.

Sie müssen die Vernachlässigung der landwirtschaftlichen Entwicklung rückgängig machen – insbesondere in Afrika. Die Investitionen in ländliche Entwicklung und landwirtschaftliche Produktion sind in den letzten beiden Jahrzehnten drastisch zurückgegangen. So blieb in vielen Ländern eine landwirtschaftliche Infrastruktur in erbärmlichem Zustand zurück.
Außerdem – das stellen wir auch im Buch heraus – müssen die EU und USA ihre Politik richtig ausrichten, nämlich so, dass ihre Agrarsubventionen weder den Bauern in Entwicklungsländern schaden, noch unausgewogene Handelsverhältnisse begünstigen.

Die G8 haben auf amerikanische Initiative hin beschlossen, in den nächsten Jahren $20 Mrd. in die Landwirtschaft zu investieren. Ist das der richtige Weg?

Das ist immerhin der erste Schritt, um die Vernachlässigung landwirtschaftlicher Entwicklung in den Griff zu kriegen. Zuerst müssen die G8 Regierungen die Gelder geben, die sie versprochen haben. Dann – so sagen wir es in unserem– bedarf es eines politischen Rahmens, der es diesen Investitionen erlaubt, Erfolge zu generieren.

Wie müssen aus Ihrer Sicht diese Mittel eingesetzt werden, damit sie effektiv zu einer Verbesserung der Welternährungslage beitragen?

Die Investitionen müssten am besten so zugeschnitten sein, dass sie den Kleinbauern helfen, die in vielen afrikanischen Ländern eine Mehrheit der Bevölkerung darstellen. So viele Landwirtschaftsprogramme, die wir in den USA und Europa für selbstverständlich halten, werden in Afrika grob vernachlässigt: landwirtschaftliche Forschung, Informationsdienstleistungen für Bauern, Bewässerungssysteme, ländliche Straßen, marktwirtschaftliche Strukturen.
Im Buch zeigen wir, dass die besten Investitionen solche sind, die Anreize für die Farmer setzen, so viele Nahrungsmittel wie möglich anzubauen und dann jegliche Überschussproduktion zu verkaufen.

Gibt es in der Hungerkrise auch positive Beispiele, die zeigen, dass die Nahrungsmittelkrise überwindbar ist?

Eines der positivsten Beispiele ist das Leben von Norman Borlaug, dem Vater der Grünen Revolution und Friedensnobelpreisträger, der erst kürzlich im Alter von 95 Jahren verstorben ist. Er zeigte uns, wie ein einzelner entschlossener Mensch einen großen Unterschied im Kampf gegen Hunger machen kann. Er bewies darüber hinaus, dass es auch in Zeiten einer wachsenden Weltbevölkerung möglich ist, die landwirtschaftliche Produktion zu vergrößern und dadurch den Hunger zu verringern. Er vermittelte der Welt das Wissen, die Instrumente und auch die moralische Notwendigkeit, den Hunger attackieren.
Wir haben andere positive Beispiele in unserem Buch. Wie zum Beispiel Eleni Gabre-Madhin, die die Ethiopia Commodity Exchange gegründet hat, um die Absatzmöglichkeiten für äthiopische Farmer zu vergrößern. Und wir beschreiben, wie unterschiedlichste Akteure – seien sie von Kirchen, Unternehmen oder in dörflichen Gemeinschaften zusammengeschlossen – im Kampf gegen Hunger einen Unterschied machen.

„Enough – Why the World’s Poorest Starve in a Age of Plenty“ ist derzeit zwar nur auf Englisch erhältlich, ist aber allemal ein lohnenswertes Buch für alle, die einen übergreifenden Eindruck der landwirtschaftlichen Entwicklung – insbesondere in Afrika – seit dem 2. Weltkrieg gewinnen wollen. Thurow und Co-Autor Scott Kilman gehen dabei von der so genannten Grünen Revolution aus und fragen, warum die Ansätze in Afrika keine Früchte zu tragen scheinen. Gleichzeitig berichten sie auch von Gruppen und Einzelpersonen, die einen Unterschied machen und von erfolgreichen neuen Ansätzen, von denen es auf dem Kontinent immer mehr gibt.

Schlagworte: Handel, Landwirtschaft, Wirksamkeit

 



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