Vor nicht einmal zwei Wochen machten wir uns auf den Weg, in Tansania Bilder der Entwicklung zu entdecken. Gemeinsam mit Minh-Khai Pan-Thi, Jana Pallaske und Rea Garvey besuchten wir Gesundheitszentren, Schulen, Unternehmen, auf Märkte und in die Heime der Menschen. Wir wollten wissen: Wie funktioniert Entwicklung? Wir trafen uns mit Aktivisten, Bauern, Lehrern, Schülern, Anti-Korruptionskämpfern, Künstlern, städtischen Angestellten, Entwicklungsexperten aus Tansania und Deutschland, Unternehmern und Angestellten, um wie in einem Puzzle die verschiedenen Bilder zu einem Ganzen zusammenzusetzen.
Ich hatte das große Glück, schon im Voraustrupp dabei zu sein. Als ich mit meinen beiden Kollegen ankam, war es das erste Mal, dass ich einen Fuß auf den afrikanischen Kontinent setzte. Ich nahm mir fest vor, die Augen auf die Themen gerichtet zu lassen, für die ONE sich einsetzt: Wie sieht die Gesundheitsversorgung aus? Welche Auswirkungen haben weit verbreitete Krankheiten wie HIV/Aids oder Malaria? Was bedeutet es für das Bildungssystem, wenn sich innerhalb von nicht einmal einem Jahrzehnt die Zahl der Grundschüler verdoppelt? Welchen Einfluss haben Investitionen ausländischer Unternehmen? Was tun gegen den Hunger?
Doch was ich vor allem feststellte, war, dass die Menschen, die uns begegneten, stolz auf ihr Land sind. Sie wissen, dass Tansania mit Orten wie der Serengeti oder dem Kilimandscharo einige der größten Naturschätze der Welt besitzt. Sie sind sich der Faszination für die reiche Kultur der Massai bewusst. Sie sind stolz darauf, dass ihr Land seit Erhalt der Unabhängigkeit weitestgehend friedlich lebte.
Und so sah ich Menschen, die sich selbst helfen. Anstatt auf die Dinge zu warten, die ihnen nicht zur Verfügung stehen (und einige davon haben auch deutsche Regierungen versprochen und noch nicht geleistet), nutzen sie die Dinge, über die sie verfügen. Vor allem die Frauen der Shiri Gruppe haben es mir angetan. Weil sie es in die Hand genommen haben, ein einfaches Konzept – das Trocknen von übrig gebliebenen Ernteerzeugnissen – in ein Geschäftsmodell zu verwandeln, dass ihre eigenen Familien ernährt, aber darüber hinaus auch der Gemeinde nützt. Sei es durch den Kauf von Schulbüchern oder die Möglichkeit, sich medizinische Versorgung zu sichern. Sie brauchten keine großen Summen, um ihr Projekt zu beginnen, sie brauchten gezielte Hinweise: zum Bau der Trockenbeete, zum Verarbeiten der fertigen Produkte und zum Vertreiben der Waren.
Und das bringt mich zurück zur alten Frage, deren Antwort die Bilder der Reise nur allzu einfach richtig zusammenpuzzeln sollte: Wie funktioniert Entwicklung? Was ist der wichtigste Faktor in der Entwicklung eines Landes? Gesundheit? Bildung? Landwirtschaft? Handel? Infrastruktur? Versucht einfach mal, nur diese fünf Sektoren in eine Reihenfolge zu bringen!
Ich weiß es nicht. Jedes Mal, wenn ich es versuche, ist die Reihenfolge anders:
Ich gebe zu, dass ich das Puzzle noch nicht endgültig zusammengesetzt habe. Aber was ich gelernt habe: Die Menschen in Afrika warten nicht auf Almosen aus dem reichen Westen. Doch wir schulden es einem jedem Menschen auf der Welt, dass er die Möglichkeit bekommt, sein Potential zu nutzen. Dazu gehört lesen zu lernen genauso wie nicht bankrott zu gehen, weil aus dem Ausland billige Dosentomaten importiert werden. Dazu gehört auch nicht jeden Tag drei Stunden nach Wasser suchen oder Nahrung von der Straße aufklauben zu müssen. Und dazu gehört, seine Kinder nicht an einen einzigen Mückenstich zu verlieren. Wir in Europa vergeben uns selbst eine Menge, wenn wir unsere Nachbarn, die demnächst eine Milliarde Afrikanerinnen und Afrikaner, ausschließen.
– Carola Bieniek –
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