Man kann auch gegen eine Übermacht die Schlacht gewinnen!


08.10.2009 20:00Uhr
von Carola Bieniek

Rea Garvey stieß am dritten Tag unserer Reise zu uns. In seinem Facebook-Blog schreibt Rea über seine Erlebnisse und Eindrücke. Heute über den Besuch der Mchangani-Grundschule in Daressalam und unsere Treffen in der deutschen Botschaft:

Meine Theorie zum Thema „wenn du dran glaubst, kann es wahr werden“ hat heute mal wieder funktioniert: Die Adresse meines Hotels in Tansania ist irgendwo tief unten in meinem Koffer vergraben und ich weiß, dass die Tatsache, dass ich diesen Teil der Landekarte nicht ausgefüllt hatte, dazu führen wird, dass ich meine Unterwäsche und alles andere auf dem Boden vor der Dame vom Zoll werde ausbreiten müssen. Dankenswerterweise entscheidet sie aber, dass ich es nicht wert bin, hundert oder mehr Leute warten zu lassen, die sich offensichtlich ein wenig besser auf ihre Reise vorbereitet haben. Also ziehe ich meinen Koffer – der nun aussieht, als wäre er explodiert –zur Seite und packe wieder ein.

Während ich auf den Fahrer warte, fühle ich ein Magengrimmen, welches ich zuerst für einen Nebeneffekt der Malariaprophylaxe halte. Doch dann erkenne ich, dass ich nervös bin. Für meine Stiftung „Saving an Angel” bin ich schon nach Äthiopien und Südafrika gereist. Aber auf eine Reise ins Unbekannte kann dich nichts vorbereiten. Ich bin mir nicht sicher, was ich hier im Land erleben werde. Und nicht zu wissen, welche Auswirkungen dies auf mich haben wird, macht mich nervös. Ich bin eine emotionale Person und kann es nicht ertragen, Leid zu sehen; besonders wenn es um Kinder geht. Und ich erwarte das Allerschlimmste. Ich halte es noch immer für meine Pflicht, in diese Länder zu reisen, um die Dinge mit eigenen Augen zu bezeugen, die ich gern verändern möchte. Und so bin ich hierher gekommen.

Von einem bekannten Gesicht empfangen zu werden, hilft schon einmal sehr. Nachdem ich Tobias (mein Kontakt bei ONE) gesehen habe, bin ich schon ein wenig entspannter. Unsere Unterhaltung auf dem Weg ins Hotel (die Adresse habe ich jetzt ja!) dreht sich um den Plan für den Tag. Obwohl ich im Flugzeug nur eine Stunde geschlafen habe, haben wir keine Zeit zu verschwenden. So sitze ich nach einer schnellen Dusche im Bus in Richtung einer Grundschule in Daressalam.

Unsere Reisegruppe besteht aus Mitarbeitern von ONE, einer Journalistin, einer Übersetzerin und zwei Schauspielerinnen aus Deutschland, die sich genauso wie ich für die Arbeit von ONE interessieren. 30 Minuten später kommen wir in der Schule an. Nachdem uns der Schulrat und ein paar der Eltern willkommen geheißen haben, besichtigten wir die Schule und unterhalten uns immer wieder mit den Schülern, die wir treffen.

Rea Garvey beim Besuch einer Grundschule in Daressalam, Tansania

Schock! Horror! Die Nervosität ist verschwunden! Ich sitze in einem Zimmer mit einigen der Mütter, die sich in Elterngruppen zu Unterstützung der Schule organisiert haben, mit Lehrern und Lobbyorganisationen, die sich für das Recht auf Bildung einsetzen und wir diskutieren das Schulsystem mit seinen Stärken und Schwächen.

In allen Klassen sitzen die Kinder auf dem Boden und an Bänken (vier in jeder Reihe, obwohl nur Platz für zwei ist) und lächeln breit in unsere Richtung. Sie zeigen ihre Bücher und heißen uns auf Englisch voller Stolz auf ihre Schuluniformen, willkommen. Wir unterhalten uns mit den Kindern und sie schütteln unsere Hände und strahlen eine Freundlichkeit aus, die ich noch kaum in dieser Form gesehen habe. Ich setze mich hin und male Bilder und lache mit ihnen darüber, wie ich ihre Sprache verhunze und wie sie meine Sprache verstehen – irgendetwas hier ist richtig, magisch. Das Elternkomitee und die Lehrer erzählen vom Mangel an Sitzgelegenheiten und Büchern und Schreibmaterialien und bitten uns, in irgendeiner Form zu helfen. Sie betteln nicht, sie bitten einfach nur. Wir sind nicht gekommen, um ihnen Geld zu versprechen oder die alltäglichen Probleme dieser überfüllten Schule zu lösen (2.000 Schüler und 37 Lehrer auf viel zu engem Raum). Wir sind hier, um die Situation zu verstehen. ONE ist eine Lobbyorganisation, die mit Hilfe von über zwei Millionen Unterstützern Regierungspolitik zu beeinflussen sucht, damit diese den ärmeren Ländern in Afrika hilft. Wir sind hier, um zu sehen, ob die Versprechen der deutschen Regierung umgesetzt werden. Und wenn ja – wie erfolgreich? 98 % der Kinder in Tansania erhalten eine Grundschulbildung. Dies ist an sich schon ein Erfolg. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist: wie gut werden sie ausgebildet und welche Mittel stehen dazu zur Verfügung?

Rea Garvey im Gespräch mit Schülern und Eltern in einer Grundschule in Daressalam

Davon erzählen die Eltern und wir hören andächtig zu, mit dem Gefühl, dazu zu gehören.

Ich liebe Kinder wegen ihrer Ehrlichkeit. Als wir über den Schulhof gehen, lächeln sie und klatschen ab. Sie zeigen uns, dass es Erfolge bei unseren Bemühungen gibt, doch auch, dass wir gerade erst am Anfang stehen!

Ich verließ die Schule voll konzentriert auf die vorliegenden Probleme, ich vergaß meine Müdigkeit und Nervosität, ich fühlte mich inspiriert.

Wir fuhren weiter zur deutschen Botschaft. Dort trafen wir eine Gruppe von Leuten, die für die Verwendung der Mittel, die die deutsche Regierung Tansania versprochen hat, zuständig ist. Direkt nach unserer Ankunft setzten wir uns kurz mit dem deutschen Botschafter zusammen. Seine Präsentation war freundlich, aber auch deutlich in Bezug auf seine Kritik an ONEs Einschätzung der Situation in Tansania. Wir zehn zogen danach weiter in den Konferenzraum, wo uns die Mitglieder des Entwicklungskomitees begrüßen. Der Botschafter verließ uns für andere Verpflichtungen.

Als die Leiterin der Abteilung vorschlug, dass wir uns am langen Konferenztisch gegenüber sitzen sollten, fühlte ich das Bedürfnis etwas zu sagen, um die Gespräche zu entschärfen. Ich sagte ihnen, dass wir uns auf der Suche nach Fakten befinden, in der Hoffnung, Wege zu finden, auf denen die Politiker zu Hause Investitionen in Entwicklungsländer verbessern können, so dass sie wirksamer werden.

Rea Garvey, Minh-Khai Phan-Thi und Mitarbeiter von ONE im Gespräch, Deutsche Botschaft, Daressalam

Deutschland hat Wasser, die finanzielle Planung von großen und kleinen Projekten und Gesundheit (Malaria / HIV) zu Hauptthemen der Entwicklungszusammenarbeit mit Tansania gemacht. Die Schwachstelle ist Bildung. Die Entwicklung der Infrastruktur wird schwer, wenn die nächste Generation der Einheimischen nicht genügend ausgebildet ist, um die Entwicklungsprojekte weiterzuführen.

Gesundheit oder Bildung? Deine Entscheidung? Die Arbeit hier trägt Früchte und zeigt Erfolge, die in sinkenden Todeszahlen bei Malaria und weniger HIV-Fällen im Land offensichtlich werden. Doch ohne verbesserte Bildung wird die Arbeit auf ewig notwendig sein. Bis Tansania eine Bevölkerung entwickeln kann, die in der Lage ist, sich selbst zu helfen. Ich zahle meine Steuern in Deutschland und sehe den Nutzen der Steuergelder hier. Ich bin froh, dass sie großartige Ergebnisse bringen.

Eine Erhöhung der Mittel würde im Kampf gegen HIV/Aids, Malaria und TB helfen. Aber auch die Fast Track Initiative für Bildung braucht mehr Mittel. Ich bin davon überzeugt, dass fortgesetzte Anstrengungen und weitere Mittel die angestrebte Wirkung haben werden – solange wir die Hoffnung nicht verlieren!

Ich bin froh, hier zu sein. Ich fühle, dass es wichtig ist zu sehen, dass unsere Anstrengungen Erfolge erzielen und die Bedeutung unserer fortgesetzten Unterstützung für die Entwicklung der ärmsten Länder anzuerkennen.

Die Menschen, denen ich auf dieser Reise begegnet bin, wollen eine Chance, ihre Leben zu verbessern. Und genauso wie wir eine Verantwortung für die Menschen in Berlin tragen, die es sich nicht leisten können, ihre Kinder zu ernähren, sind wir verantwortlich für die Familien in Tansania! Es fühlt sich immer an, als kämpfen wir gegen eine Übermacht. Aber auch die Seite, die zu einer Zeit zu unterliegen scheint, kann die Schlacht gewinnen!

– Rea –

Schlagworte: Bildung, Entwicklungszusammenarbeit, ONE in Tansania 2009, Rea Garvey, Tansania, Wirksamkeit

 



Kommentar hinzufügen

 

Name (Pflichtfeld)

 

E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) (Pflichtfeld)

 

 

Der ONE Blog

Im ONE Blog berichten wir über Hintergründe und Neuigkeiten rund um die Armutsbekämpfung weltweit. Die Beiträge stammen von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von ONE, aber auch von Unterstützerinnen und Unterstützern, Netzwerkpartnern, Freunden der Organisation und Entwicklungsexperten.

Der Inhalt der Beiträge und Kommentare spiegelt die Meinung der Autoren wider und entspricht nicht immer den Ansichten von ONE.