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Ein neues Afrika in 90 Tagen


10.09.2009 16:30Uhr
von Carola Bieniek

In den letzten Monaten lernte Lena Habermann ONE als Praktikantin in unserem Berliner Büro kennen. Hier schreibt sie darüber, wie sie die Arbeit erlebt hat.

Erinnern Sie sich an die obligatorische Einleitung in Werner Schulze-Erdels „Familienduell“: „100 Leute haben wir gefragt…“? Würde man 100 Leute danach fragen, was sie mit Afrika verbinden, so würden die Top 5 der Antworten in etwa so aussehen: Armut, Korruption, Bürgerkriege, Aids, Diktaturen. Afrika ist insofern allzu häufig der Inbegriff menschlichen Elends. Wie kann es sein, dass ein ganzer Kontinent in unserer kollektiven Vorstellung derart eindimensional verankert ist?

Auch die Medien – das kann ich beurteilen, da ich während meines Praktikums bei ONE täglich einen Pressespiegel erstellt habe – beschäftigen sich mit Afrika in den allermeisten Fällen in genau zwei Kontexten: Der Großteil der Berichterstattung beschreibt Konflikte, Hungerkrisen, Flüchtlingsströme, millionenfaches Sterben an Krankheiten wie Malaria und Aids. Ein kleinerer Teil, in der Regel die Lokalpresse, betont die Exotik Afrikas und verklärt den Kontinent, etwa anlässlich von Lesungen oder interkulturellen Volksfesten, zu einem Hort der Folklore, voll von bunten Gewändern, traditionellem Handwerk und wilden Trommelrhythmen. Ich will nicht beurteilen, ob die Medien Ursache oder Ausdruck unseres Afrikabildes sind (vermutlich trifft ohnehin beides zu), dennoch illustrieren die Themen, über die berichtet wird, die engen Grenzen, in denen unsere Vorstellung von Afrika verläuft.

Das Praktikum bei ONE hat mir die Möglichkeit gegeben, mich intensiv mit Afrika zu beschäftigen, und so habe ich heute einen völlig anderen Blick auf den Kontinent als noch vor einigen Monaten. Dazu gehört natürlich nach wie vor das große Leid, dem unvorstellbar viele Menschen dort ausgesetzt sind, sei es durch blutige Konflikte wie immer noch im Kongo, durch Naturkatastrophen wie die derzeitigen Überschwemmungen u. a. im Senegal und in Burkina Faso oder durch die schier allgegenwärtige Armut mit all ihren Konsequenzen.

Aber: Ich verstehe jetzt, dass all diese drückenden Probleme nur einen kleinen Teil der Realität in den 54 Staaten Afrikas ausmachen, denn die meisten Menschen – so mein Eindruck – verharren nicht als passive Opfer in der nur von außen hoffnungslos scheinenden Lage, sondern leben, arbeiten, wirtschaften, lernen und schaffen auf höchst kreative, selbstständige Art und Weise. Besonders bewusst wurde mir, wie wichtig diese Einsicht ist, im Gespräch mit Elizabeth Missokia, einer tansanischen Bildungsexpertin, die uns bei der Vorstellung des Data-Berichts im Juni unterstützte. Sie berichtete mir von ihrer Arbeit, erzählte von ihrer Familie, erklärte die politische Situation in Tansania und kommentierte das gesellschaftliche Leben. Dieser punktuelle Einblick in ein einzelnes Land führte mir die Diversität des Kontinents ganz konkret vor Augen, vor allem aber machte diese Erfahrung eine eigentliche Selbstverständlichkeit, die jedoch oft nicht ausreichend bedacht wird, für mich geradezu fühlbar: Dass nämlich die Menschen dort in erster Linie ihr Leben leben. Im Gegensatz dazu werden sie hierzulande – wenn auch meist mit guter Absicht – viel zu häufig eher als hilfsbedürftige Objekte gesehen, ihre Selbstständigkeit und ihr überwältigendes Potential hingegen werden kaum bedacht.

Ich habe in den vergangenen Monaten viel über und aus unserem Nachbarkontinent gehört und gelesen, zum Stichwort Afrika fallen mir nun Begriffe wie Kreativität, Unternehmertum, Zuversicht und Vielfalt ein. Damit Afrika all das nutzen kann, um eine bessere Zukunft zu erreichen, muss diese Dimension noch viel stärker, als es heute bereits geschieht, in der Entwicklungszusammenarbeit berücksichtigt werden.
Damit sollen die immensen Probleme des Kontinents nicht beschönigt oder untertrieben werden, allerdings habe ich verstanden, wie wichtig es ist, dass wir alle eine realistischere Vorstellung von ihm bekommen. Auf diese Weise, so scheint mir, würde auch der nötige Rückhalt für deutlich verstärkte Entwicklungszusammenarbeit in der hiesigen Bevölkerung wachsen, denn die Voraussetzung dafür ist es, unsere Partnerländer in all ihren Eigenarten anzuerkennen.

Bleibt die Frage, wie es zu erreichen ist, ein vielschichtigeres Bild von Afrika zu vermitteln. Das ist sicher ein weder einfaches noch schnell zu erreichendes Ziel, ein guter Anfang immerhin ist ein regelmäßiger Blick in den ONE Blog.

– Lena Habermann —

Schlagworte: ONE

 



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