In den letzten Monaten nahm die Intensität, mit der die Debatte über das Für und Wider von Entwicklungszusammenarbeit geführt wird, wieder spürbar zu. Im Zentrum steht dabei nicht zuletzt die Frage nach der Wirksamkeit von Hilfe, also nach den Fortschritten im Bereich der Armutsbekämpfung, die durch die Bereitstellung von Mitteln für arme Länder tatsächlich erzielt werden. Vereinfacht gesagt lautet die Kritik, dass die milliardenschweren Zahlungen, die in den letzten Jahrzehnten zugunsten der Entwicklungsländer geleistet wurden, die Lebensbedingungen für die Menschen vor Ort nicht wesentlich verbessert haben.
Allerdings berücksichtigen Studien zur Wirksamkeit von Hilfe in der Regel nicht die Motive, aus denen die Geberländer Mittel bereitstellen, sondern setzen im Gegenteil stillschweigend voraus, dass diese Motive keinen Einfluss auf die Wirksamkeit haben. Diese „Homogenitätsannahme“ nehmen Christopher Kilby (Vassar College, New York) und Axel Dreher (Universität Göttingen) in einer Untersuchung unter die Lupe – und kommen zu einem überraschenden Ergebnis.
Zunächst entwerfen Kilby und Dreher ein Modell, das einen Zusammenhang herstellt zwischen den Motiven der Geber und der Wirksamkeit von Hilfe. Das entscheidende Bindeglied sind dabei von den Empfängerländern getroffene Politikentscheidungen. Grundsätzlich, so die Überlegung, kann ein Geber zwei Beweggründe haben, um Hilfszahlungen zu leisten: Entweder lässt er sich von der Bedürftigkeit des Empfängers leiten, oder er verfolgt eigene Interessen. Im ersten Fall wird ein Geber also seine Zahlungen (bzw. deren Fortsetzung) davon abhängig machen, ob der Empfänger eine entwicklungspolitisch sinnvolle Politik betreibt; ist dies nicht der Fall, wird er seine Zahlungen einstellen: Die Empfängerregierung ist folglich bemüht, die in ihre Politik gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Anders verhält es sich, wenn der Geber mit der Bereitstellung von Mitteln in Wirklichkeit andere Ziele verfolgt, etwa geopolitische oder wirtschaftliche Interessen. In diesem Fall hat die Empfängerregierung keinen Anreiz, eine solide Politik zu betreiben, da sie die Zahlungen in jedem Fall erhält.
Die Autoren schlagen eine enge (Prozentsatz der Mittel, der investiert wird) und eine breite Definition (generelle Qualität der Regierungsführung) von „guter“, also entwicklungsorientierter Politik vor, wobei beiden Alternativen gemein ist, dass die positiven Auswirkungen der Hilfszahlungen größer sind, wenn der Geber von der Bedürftigkeit des Empfängers geleitet wird. Ihr Fazit an dieser Stelle lautet: „Das Schlüsselmerkmal dieses Modells ist, dass es den Geber nur dann interessiert, wie die Hilfszahlungen verwendet werden, wenn er humanitäre Ziele verfolgt. Geopolitisch oder wirtschaftlich motivierte Zahlungen sind eine Bestechung; wie der Empfänger die Mittel verwendet ist irrelevant.“
In einem weiteren Schritt unterziehen die Wissenschaftler ihr Modell einem breiten empirischen Test, der die dreizehn größten bilateralen Geber und 62 Empfängerstaaten zwischen 1974 und 2001 umfasst und untersucht, wie sich bedürfnisorientierte Zahlungen einerseits und am Eigeninteresse des Gebers ausgerichtete Zahlungen andererseits auf die Entwicklung eines Landes (gemessen am nationalen Wirtschaftswachstum) auswirken. Das Ergebnis der Analyse bestätigt die theoretischen Überlegungen: Der Einfluss von bedürfnisorientierter Hilfe auf das Wachstum unterscheidet sich signifikant von dem Einfluss der Zahlungen, mit denen der Geber anderweitige Interessen verfolgt.
Was bedeutet das nun für die oben angesprochene Frage nach der Wirksamkeit von Hilfe? Kilby und Dreher selbst formulieren das Resultat ihrer Analyse eher vorsichtig: „Es macht die Interpretation der Ergebnisse in einem Großteil der Literatur zur Wirksamkeit von Hilfe komplizierter.“ Anders gesagt: Um beurteilen zu können, ob Entwicklungshilfe zur Entwicklung eines Landes beiträgt, muss man zunächst berücksichtigen, dass nicht jede Überweisung eines reichen an einen armen Staat entwicklungspolitische Ziele verfolgt. Geopolitisch oder wirtschaftlich motivierte „Bestechungszahlungen“, die vor allem während des Kalten Krieges getätigt wurden, sollten aus entsprechenden Analysen herausgehalten werden.
Die komplette Studie „The Impact of Aid on Growth Revisited: Do Donor Motives Matter?” von Christopher Kilby und Axel Dreher können Sie hier lesen, darin finden Sie auch genauere Informationen zum Forschungsdesign.
– Lena Habermann –
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