Dead Aid von Dambisa Moyo - Behauptungen und Fakten

Dead Aid von Dambisa Moyo - Behauptungen und Fakten

In ihrem neuen Buch, Dead Aid, behauptet die sambische Volkswirtschaftlerin Dambisa Moyo, Entwicklungshilfe sei die Wurzel aller Probleme Afrikas. Auch ONE hat nie behauptet, Entwicklungshilfe sei ein Allheilmittel. Die Fakten sprechen jedoch für sich: Gezielte Hilfe hat einen positive Einfluss auf die Entwicklungsförderung in den ärmsten Ländern. Dies gilt ins­besondere angesichts der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise. Es verseht sich von selbst, dass ein nachhaltiger Fortschritt neben der Entwicklungshilfe noch weiterer Voraussetzungen bedarf: Handel, private Investitionen und demokratischere Strukturen.

Paul Collier, Wirtschaftsprofessor und Direktor des Centre for the Study of African Economies an der Universität Oxford, schreibt dazu in seinem Buch Die unterste Milliarde sinngemäß: „Entwicklungshilfe ist sehr wohl problembehaftet, und unterliegt insbesondere starken Beschränkungen. [...] 'Dennoch ist sie kein Teil des Problems, sondern ein Teil der Lösung."

Dead Aid enthält eine Reihe von Behauptungen. Die wichtigsten von ihnen werden nachstehend zitiert und unter Rückgriff auf Faktenmaterial, das im Buch unerwähnt bleibt, kritisch kommentiert.

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Dead Aid: „In den letzten Jahrzehnten floss mehr als 1 Billion Dollar an Entwicklungs­hilfe nach Afrika. Geht es den Menschen dadurch besser? Nein." (Einführung xix)

Die Fakten: Wiederholt werden im Buch große Zahlen genannt, darunter der Verweis auf die 1 Billion Dollar an Entwicklungshilfegeldern, ohne diese mit konkretem Zahlenmaterial bzw. Quellenangaben zu belegen. Ihre Behauptung, dass bisher 1 Billion Dollar für Entwicklungshilfe aufgewendet worden seinen, belegt Moyo an keiner Stelle. Dies ist exemplarisch für das gesamte Buch. Moyo pauschalisiert, wenn sie von Entwicklungshilfe spricht. Sie unterscheidet dabei nicht zwischen der politisch motivierten Hilfe zu Zeiten des kalten Krieges, die häufig destruktiv war und missbräuchlich verwendet wurde, und der gezielten Hilfe zur Bekämpfung der Armut, wie sie den demokratischer regierten armen Ländern seit den späten 1990ern zuteil wird.

Diese neue Form der intelligenten Hilfe ist viel strategischer angelegt und liefert konkrete Ergebnisse:

HIV/AIDS: 2,1 Millionen Afrikaner erhalten lebensrettende antiretrovirale Medikamente

  • Der Kampf gegen HIV/AIDS in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara wird zum Großteil aus Mitteln der Entwicklungshilfe finanziert. Die Zahl der Afrikaner, die lebensrettende antiretrovirale Medikamente erhalten, stieg von 50.000 im Jahr 2002 auf 2,1 Millionen im Jahr 2007. Dies ist ein direktes Ergebnis der Aufstockung der Hilfsgelder.[1] In einigen Ländern ist der Fortschritt sogar noch deutlicher - und dies zum Großteil dank neuartiger wirksamer intelligenter Hilfe. So erhalten z.B. in Senegal und Ruanda mehr als die Hälfte aller Bedürftigen antiretrovirale Medikamente. In Botswana und Namibia liegt der Anteil der Behandelten sogar bei 75%.[2] Natürlich ist die Arbeit damit nicht getan, aber wir sollten uns vergegenwärtigen, dass noch 2002 nur 1% der Erkrankten eine Behandlung erhielt.[3] Eine AIDS-Infektion kam damals einem Todesurteil gleich. Zwei Tabletten täglich, die weniger als 50Cent kosten, eröffnen einem todkranken Menschen den Weg zurück in seine Familie, in seinen Job und in die Gesellschaft. Den Armen den Zugang zu diesen Medikamenten zu verweigern, hieße, sie zum Tod zu verurteilen.

 

  • Hilfsgelder allein reichen nicht aus, um die AIDS-Epidemie in Afrika einzudämmen. Dies erfordert auch bessere Gesundheitssysteme, mehr Ärzte und Pfleger sowie eine effiziente Lenkung von Hilfsprogrammen. Fakt ist jedoch, dass durch die Hilfe in Afrika Jahr für Jahr Millionen von Leben gerettet werden, die andernfalls HIV/AIDS zum Opfer fallen würden.

Malaria - in Ruanda und Äthiopien sank die Zahl der Malariafälle und -toten um 50 %

  • Auch im Kampf gegen die Malaria spielte die Entwicklungshilfe eine entscheidende Rolle. Dank der beträchtlichen Aufstockung der Hilfsgelder und einer verantwortungsvollen Koordination vor Ort gelang es seit dem Jahr 2000 in 16 von 20 afrikanischen Ländern, für die uns Daten vorliegen, die Versorgung von Kindern mit insektizidbehandelten Moskitonetzen mindestens zu verdreifachen.[4] In Ruanda und Äthiopien gingen malariabedingte Erkrankungen und Todesfälle dank der erheblich ausgeweiteten Bereitstellung von Moskitonetzen und des verbesserten Zugangs zu wirksamen und von Hilfsgeldern bezahlten Malariamitteln innerhalb von zwei Jahren um mehr als 50% zurück. In Äthiopien sank die Zahl der Malariatoten zwischen 2005 und 2007 um 51% und die der Erkrankungen um 60%. Ruanda verzeichnete innerhalb nur eines Jahres (2006-2007) einen Rückgang der Todesfälle um 66% und der Erkrankungen um 64%.[5]

Bildung - 34 Millionen mehr Kinder gehen zur Schule

  • Dank zunehmend gezielterer Hilfe, verantwortungsvollerem staatlichen Handeln in Afrika und zielgerichteter Schuldenerlasse konnten seit 1999 circa 34 Millionen mehr afrikanische Kinder die Grundschule besuchen.[6] Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang folgende Ergebnisse von Studien: Wenn Mädchen 5 Jahre lang die Schule besuchen, steigt die Überlebensrate ihrer Kinder um bis zu 40%; Mütter, die eine Schulbildung genossen haben, lassen ihre Kinder mit einer 50% höheren Wahrscheinlichkeit als Mütter ohne schulische Bildung impfen.[7]

 

Dead Aid: „Entwicklungshilfe hat die Armen noch ärmer gemacht und das Wachstum verlangsamt." (Einführung xix)

Die Fakten: Diese Behauptung ist statistisch nicht belegbar. Das Gegenteil ist der Fall: Das Wirtschaftswachstum der afrikanischen Länder beschleunigte sich in den vergangenen zehn Jahren - also genau dem Zeitraum, in dem auch die gezieltere Hilfe zur Bekämpfung der Armut verstärkt wurde.

Im vergangenen Jahrzehnt stieg die Wirtschaftsleistung in 18 nicht ölexportierenden afrikanischen Länden[8] südlich der Sahara um durchschnittlich 5,5 % pro Jahr. In diesen Ländern lebt ein Drittel aller Afrikaner. Besonders wichtig ist dabei der Umstand, dass das Wachstum nicht auf dem Ölboom basiert, weil diese Länder kein Öl exportieren. Die Wachstumsraten dieser Länder zeigen, welches gewaltige Potential erschlossen werden kann, wenn im Verbund mit Entwicklungshilfe, Schuldenerlass, Abschaffung von Handelsschranken und klugen Investitionen die Politik afrikanischer Staaten von verantwortungsvollem staatlichem Handeln bestimmt wird.

Laut dem Regional Economic Outlook des IMF vom Oktober 2008 „stieg die Entwicklungshilfe für Afrika seit 2000, ein Zeitraum, der sich in etwa mit der Phase des stärksten Wachstums im subsaharischen Afrika deckt......Das beschleunigte Wachstum der jüngsten Zeit bietet keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Entwicklungshilfe ein nachhaltiges Wachstum behindert. Im Gegenteil: Sie kann ein hilfreiches Instrument für die Überwindung beschränkter Ressourcen sein."[9]

Die tatsächliche Bedrohung für das Wirtschaftswachstum Afrikas ist nicht die Entwicklungshilfe, sondern die weltweite Wirtschaftskrise. Der IMF hat seine Wachstumsprognose für die afrikanischen Länder südlich der Sahara für das Jahr 2009 von 6,7[10] auf 3,5 % gesenkt[11]. Es ist zu befürchten, dass diese Prognose schon bald erneut nach unten korrigiert wird. Bedingt durch die Krise könnten Millionen von Menschen in Afrika erneut in die Armut zurückgeworfen werden.

Auch Paul Collier äußert sich in seinem Buch Die unterste Milliarde zu diesem Aspekt: „Entwicklungshilfe beschleunigt offenbar das Wachstum. Nach realistischer Einschätzung hatte sie in den vergangenen 30 Jahren einen Anteil von 1 Prozent an der jährlichen Wachstumsrate der untersten Milliarde. Das klingt nicht viel, aber man muss dabei bedenken, dass die Wachstumsrate der untersten Milliarde in diesem Zeitraum weit unter 1 Prozent pro Jahr lag. Tatsächlich stagnierte das Wachstum sogar. [...] Ohne Hilfe wären die Länder der untersten Milliarde in der Summe also viel ärmer als sie es heute sind." (Die unterste Milliarde, S. 100)

Hinsichtlich der Bekämpfung der Armut führt Collier weiter aus: „Wachstum ist kein Allheilmittel, aber Null- oder Negativwachstum ist ein Desaster."

Dead Aid: „Entwicklungshilfe lässt Korruption entstehen. Diese führt zu neuer Korruption, und schnell landen Staaten so in einem Teufelskreis. Entwicklungshilfe stützt korrupte Regierungen, weil sie ihnen ungebundenes Kapital an die Hand gibt." (S. 49)

Die Fakten: Korruption war und ist in Afrika - wie auch in anderen Teilen der Welt - schon immer ein Problem. Überdurchschnittlich stark ist sie in den ärmsten Ländern ausgeprägt. Es ist die Armut, die den Nährboden für Korruption schafft, nicht die Entwicklungshilfe. Selbst wenn die afrikanischen Länder zur Förderung der Wirtschaft ausschließlich auf private Investitionen, Handel und Kapitalmärkte setzen würden, gäbe es Korruption. Schließlich ist Korruption auch im privaten Sektor nicht unbekannt.

Ob Mittel - ob aus der Entwicklungshilfe oder dem privaten Sektor - effizient verwendet werden, hängt vom Grad des verantwortungsvollen staatlichen Handelns im jeweiligen Land ab. Das subsaharische Afrika besteht aus mehr als 47 unabhängigen Staaten mit jeweils ganz eigener Ausprägung dieses Phänomens. In einigen Ländern wirkt die Korruption weiterhin hemmend auf Entwicklung und Fortschritt. In anderen Ländern setzen sich demokratische Strukturen und ein verantwortungsvolles staatliches Handeln durch und die Bürger - Journalisten, Kirchenaktivisten und Elternverbände - fordern von ihren Regierungen und Behörden Rechenschaft über die Verwendung von Hilfsgeldern und anderen Mitteln. Eine Reihe dieser von Bürgern getragenen Initiativen wird zum Teil mit Entwicklungshilfegeldern finanziert. Diese Form „partizipatorischer Transparenz" wird im Rahmen der generellen Bemühungen von Gebern, die Wirksamkeit ihrer Hilfe zu erhöhen, durch die Entwicklungshilfe gefördert. Im September 2008 unterzeichneten mehr als 100 Länder die Accra Agenda for Action, ein von der OECD beaufsichtigtes Programm mit dem Ziel, die Verwendung von Entwicklungshilfegeldern für die Bürger armer Länder nachvollziehbarer, transparenter, koordinierter und wirksamer zu gestalten.[12]

In Dead Aid versucht Moyo ihre Behauptung, das Entwicklungshilfemodell funktioniere nicht, mit einer Studie zu untermauern. Diese hatte ergeben, dass nur 20 Prozent der für Bildung veranschlagten Hilfsgelder in Uganda tatsächlich die Schulen erreichte. Mitte der 90er war es in Uganda tatsächlich nicht sicher, dass die für Bildung bestimmte Hilfe ihrem eigentlichen Bestimmungszweck zukommt. Die Fortsetzung dieser Geschichte blendet Moyo in ihrem Buch jedoch aus. Lokalen Lehrerverbänden gelang es im Verbund mit dem Bildungs- und Finanzministerium, internationalen NGOs und den Geldgebern, die Wirksamkeit der Hilfe erheblich zu erhöhen. Dazu entwickelten die Beteiligten ein System, mit dem sich der Fluss der Gelder bis zur einzelnen Schule verfolgen ließ.

Indem die Regierung in Zeitungen und im Radio den Transfer von Mitteln ankündigte, informierte sie die Elternverbände darüber, wie viel Geld, jede einzelne Schule erhalten würde. Der Erfolg dieser Maßnahmen zur besseren Verfolgbarkeit und Transparenz war durchschlagend: Erreichten 1996 lediglich 13 % der verfügbaren Mittel auch die Schulen, waren es im Jahr 2002 bereits 80 %.[13] Dieses Modell wurde seitdem von vielen afrikanischen Ländern kopiert. Dies verlieh der gesamten Bildungspolitik auf dem Kontinent einen enormen Schub und ermöglichte im Verbund mit höherer Entwicklungshilfe und dem Erlass von Schulden bisher 34 Millionen Kindern eine Schulbildung. Diese Form der „partizipatorischen Transparenz" ist ein Beispiel dafür, wie Bürger, Entwicklungshilfeorganisationen, Geberländer und Regierungen Hand in Hand die Wirksamkeit von Entwicklungshilfesystemen erhöhen und für den gesamten Kontinent gezielte Hilfe leisten können. Bei Moyo liest sich dies als Beispiel für das Scheitern von Entwicklungshilfe. Tatsächlich ist es eine ermutigende Erfolgsgeschichte.

Desweiteren muss beim Thema Korruption zwischen verschiedenen Formen der Entwicklungshilfe unterschieden werden: Hilfe, die Gruppen der bürgerlichen Gesellschaft zugute kommt, und Hilfe, die Regierungen zur Aufstockung ihrer Haushalte erhalten. Dazwischen gibt es außerdem eine Vielzahl von Schattierungen. ONE befürwortet folgendes Modell: Die Vergabe von Entwicklungshilfemitteln muss an die Frage gekoppelt sein, wie eine Regierung ihre Aufgaben erfüllt. Geht sie verantwortungsvoll mit den Geldern um, können diese in den Staatshaushalt fließen; andernfalls erfolgt eine direkte Vergabe an Bürgergruppen, oder die Hilfsgelder werden zurückgehalten. Entwicklungshilfe kann und muss auch für die Erhöhung der Transparenz, Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung und die Stärkung der Unabhängigkeit der Medien eingesetzt werden. Partizipatorische Transparenz und unternehmerische Lösungen für Afrika zu ermöglichen, bilden den Kern des Konzepts der intelligenten Hilfe.

Dead Aid: „...Entwicklungshilfe fördert Konflikte. Die Aussicht auf Machtausweitung und Zugriff auf unbegrenzten Reichtum ist unwiderstehlich [...] Daher hemmt Entwicklungshilfe nicht nur das Wirtschaftswachstum und bewirkt, dass Länder im Zustand der Armut verharren, sondern ist ihrem Wesen nach eine tiefere Ursache für soziale Unruhen und letztendlich auch Bürgerkriege [...] Neben der Politisierung des politischen Raumes befördert Entwicklungshilfe auch eine Militarisierung von Ländern." (S. 59-60)

Die Fakten: Für diese Behauptung liefert Moyo keine Beweise. Der Wirtschaftsprofessor Paul Collier hat dieses Thema eingehend untersucht und schreibt in Die unterste Milliarde: „Soweit wir dies beurteilen können, hat Entwicklungshilfe keinen direkten Einfluss auf die Bürgerkriegsgefahr." (Seite 104)

Die Behauptung, dass Entwicklungshilfe Konflikte fördere, geht von der falschen Annahme aus, dass alle Konflikte dieselbe Ursache haben. Laut Collier „entsteht jedoch etwa die Hälfte aller Bürgerkriege aus Situationen heraus, die im Anschluss an Konflikte entstehen und dann eskalieren. Gerade in solchen Situationen der Instabilität lässt sich mit Entwicklungshilfe jedoch einer gefährlichen Entwicklung entgegenwirken." (Die unterste Milliarde, S. 106)

Dies lässt sich am Beispiel einiger afrikanischer Länder überzeugend zeigen: Entwicklungshilfe trug dazu bei, in Ruanda, Liberia und Sierra Leone nach Beendigung der Konflikte den Frieden zu festigen. Ellen Johnson Sirleaf, die angesehene Präsidentin Liberias, äußerte sich gegenüber David Loyn von der BBC nach ihrem Londoner Treffen mit dem britischen Premierminister Gordon Brown wie folgt zu diesem Thema: Die Stabilität in Ländern nach einem Konflikt wäre enorm gefährdet, wenn zu diesem wichtigen Zeitpunkt aufgrund der weltweiten Krise die Entwicklungshilfe reduziert werden würde. Ihrer Überzeugung nach ist die Unterstützung der Ärmsten durch die reichen Länder gerade jetzt sinnvoll, weil sie viel weniger Mittel erfordere als spätere friedenserhaltende Einsätze. Es sei notwendig, „das von den Menschen in Afrika über die Jahre unter so großen Opfern Erreichte zu bewahren", erklärte Johnson Sirleaf weiterhin.[14]

In ihrer Argumentation geht Moyo auch davon aus, dass der alleinige Empfänger von Entwicklungshilfegeldern die Regierungen afrikanischer Länder sind. In Conflict- und Post-Conflict-Situationen lassen sich Hilfsgelder jedoch über lokale Gruppen kanalisieren und so die Grundbedürfnisse der Bevölkerung decken, ohne, wie von Moyo behauptet, einen Anreiz für weitere Konflikte zu schaffen.

Dead Aid: „Der Zugang zu den Anleihemärkten ist nicht so schwierig wie behauptet." (S. 78)

„Die Kapitalmärkte sind offen, auch für Afrika. Die Behauptung, die internationalen Kapitalmärkte seien für afrikanische Länder verschlossen, ist schlicht falsch [...] Die Länder, die bisher keine Anleihen aufgenommen haben, taten dies zum Großteil nicht, weil sie dies nicht konnten, sondern weil sie es nicht wollten." (S. 92-93)

Die Fakten: Der zentrale Teil von Moyos These entstand vermutlich vor dem Zeitpunkt, zu dem die globale Wirtschaftskrise ihre volle Wucht entfaltet hatte. Das Leihen von Geld auf den internationalen Kapitalmärkten ist für afrikanische Länder jetzt viel schwieriger als noch vor einem Jahr. Die Finanzkrise bewirkte neben dem Rückgang des Exportwachstums, der Investitionen und der Überweisungen von im Ausland arbeitenden Afrikanern eine Austrocknung der Kreditmärkte und sinkende Chancen für die Aufnahme von Krediten durch afrikanische Regierungen. Auch wir glauben, dass Anleihen für stabile afrikanische Länder eine wichtige Option sein können und sollen. Leider sind sie noch nicht die Alternative, die Moyo in ihnen sieht.

Dead Aid:Ghana hat genau das Richtige getan. Es war schlicht nicht notwendig, sich erneut an den Tropf der Entwicklungshilfe zu hängen. Auf der anderen Seite sprach viel dafür, eine Staatsanleihe aufzunehmen. Gemessen an der Nachfrage der Investoren hatte die Staatsanleihe zwar diesmal nur einen geringen Umfang, aber der Schritt an sich war vernünftig - und dies wird sich für Ghana bezahlt machen. Der Erfolg dieser ersten Anleihe kann für Ghana ein Sprungbrett sein - man hat das Vertrauen der Anleger gewonnen und wird sich in den kommenden Jahren regelmäßig auf den Anleihemarkt begeben können." (S. 96-97)

Die Fakten: Leider könnte es nun länger als von Moyo erhofft dauern, bis sich dieser Schritt für Ghana auszahlt. Das ghanaische Finanzministerium musste eine erneute Auflage der Anleihe kürzlich verschieben. Wie überall auf der Welt ist auch in Afrika die Aufnahme von Krediten durch die Finanzkrise sehr viel schwerer geworden. Donald Kaberuka, Volkswirtschaftler aus Ruanda und Chef der afrikanischen Entwicklungsbank, äußerte sich dazu am 17. März gegenüber der Financial Times wie folgt: Für Länder wie Ghana, die sich von der Entwicklungshilfe abgenabelt haben, indem sie sich Geld auf den internationalen Anleihemärkten besorgten, könnten 10 weitere Jahre der Abhängigkeit von Entwicklungshilfe bevorstehen.

Natürlich muss für afrikanische Länder das langfristige Ziel darin bestehen, ohne Entwicklungshilfe auszukommen. Kurzfristig gesehen ist sie jedoch angesichts der weltweiten Wirtschaftskrise wichtiger den je zuvor. Für die Länder, die sich mit sinkenden Mittelzuflüssen aus den globalen Märkten konfrontiert sehen, kann Entwicklungshilfe eine wichtige Überbrückungsmaßnahme sein.

Dead Aid: „Was, wenn (sich alle wichtigen Geber wie die Weltbank, die Industrieländer usw. einig wären und) alle afrikanischen Staaten einen Anruf mit der Ankündigung erhielten, die Entwicklungshilfe würde in genau fünf Jahren für immer eingestellt? Es gäbe zwar Ausnahmen für Notsituationen wie Hungersnöte und Naturkatastrophen, aber zur Verbesserung der schlechten Wirtschaftslage Afrikas würden keine Mittel mehr bereitgestellt.
Was würde passieren?
(S. 144)

Die Fakten: Dieses ideologische Experiment ist fahrlässig und negiert die Tatsache, dass Millionen Afrikaner von lebensrettenden AIDS-Medikamenten abhängen, die aus Mitteln der Entwicklungshilfe bezahlt werden. Zudem dienen die Gelder der Betreuung weiterer Millionen von AIDS-Waisen. Aus Entwicklungshilfegeldern werden außerdem Moskitonetze bezahlt, die Menschen vor Malaria schützen. Zudem gelang es, zwischen 1999 und 2006 mit Hilfe dieser Gelder 34 Millionen Kindern eine Schulausbildung zu ermöglichen[15]. Glaubt Moyo wirklich, dass ihre Vorschläge so erfolgreich sein werden, dass die afrikanischen Regierungen diese Kosten in 5 Jahren allein tragen können - insbesondere angesichts des Zusammenbruchs der Finanzmärkte? Oder nimmt Moyo in Kauf, dass die, deren Medikamente von Hilfsgeldern bezahlt werden, an AIDS erkranken oder gar ihr Leben verlieren? In ihrem Buch geht sie nicht in gebotenem Maß auf die Folgen ein, die ihr Plan für die Ärmsten der Armen hätte.

Selbst der Internationale Währungsfond hat anerkannt, dass es während dem sich gegenwärtig vollziehenden weltweiten Wirtschaftsabschwung äußerst wichtig ist, die Entwicklungshilfe aufrechtzuerhalten, weil immer mehr Ländern mit niedrigem Einkommen Zahlungsbilanzprobleme, schrumpfende Exporterträge und ein Rückgang der Investitionen drohen und diese daher zusätzliche Ressourcen benötigen, um die Grundversorgung ihrer Bevölkerungen aufrecht erhalten zu können.

Dead Aid: „... 2005 versprachen die USA 15 Milliarden US$ verteilt über fünf Jahre für den Kampf gegen AIDS (vorrangig im Rahmen des globalen Krisenplans zur AIDS-Bekämpfung (PEPFAR - President's Emergency Plan for AIDS Relief), der im Januar 2003 verabschiedet wurde). An diese Hilfe waren aber Bedingungen geknüpft. Zwei Drittel des Geldes waren für Programme zur Förderung der sexuellen Enthaltsamkeit reserviert. Organisationen, die Kliniken unterhalten, in denen Abtreibungen vorgenommen oder eine dahingehende Beratung angeboten wird, blieben bei der Mittelvergabe außen vor." (S. 7)

Die Fakten: Moyo irrt, wenn sie schreibt, dass zwei Drittel der PEPFAR-Mittel für Enthaltsamkeitsprogramme reserviert sind. Tatsächlich war 2008 nur für 1/13 (etwa 7 %) aller PEPFAR-Mittel für Schwerpunktländer eine Zweckgebundenheit an Programme zur Förderung von sexueller Enthaltsamkeit und Safer Sex vorgesehen. Die PEPFAR-Mittel fließen in drei Töpfe: Behandlung, Versorgung und Prävention. Bei der Neuauflage von PEPFAR im Juli 2008 entfiel die feste Vorgabe, dass ein Drittel des Präventionstopfes (noch einmal: lediglich 7 % des Gesamtbudgets für die Schwerpunktländer) für Enthaltsamkeits- und Safer-Sex-Programme reserviert sei.[16] Viele Aids-Hilfeorganisationen und auch ONE lehnen selbst diesen geringen zweckgebundenen Anteil ab, aber ohne diese Einschränkung hätte die Vorlage im amerikanischen Zweiparteiensystem keine Zustimmung gefunden. Unter dem Strich hat PEPFAR einen riesigen Erfolg: Mehr als 2 Millionen Afrikaner erhalten über das Programm Aids-Medikamente. Zudem finanziert es Maßnahmen, die bei fast 16 Millionen Schwangerschaften eine HIV-Übertragung von der Mutter auf das Kind verhindern halfen.[17] Moyo kannte diese Fakten, als sie ihr Buch schrieb, beschloss aber, sie zu ignorieren.

Dead Aid: „In Afrika gibt es einen Hersteller von Moskitonetzen. Er produziert etwa 500 Netze pro Woche. Er beschäftigt zehn Angestellte, von deren Verdienst (wie in vielen afrikanischen Ländern) jeweils bis zu fünfzehn Menschen abhängen. So fleißig sie auch sind, es wird Ihnen nicht gelingen, genug Netze herzustellen, um der Malariaplage Herr zu werden.

„Jetzt betritt der Filmstar aus Hollywood die Bühne. Er mobilisiert die Massen und fordert von den Regierungen der Industrieländer lautstark, 100.000 Moskitonetze in die betroffene Region zu schicken. Die ganze Aktion kostet eine Million Dollar. Die Netze erreichen Afrika, werden verteilt, und die gute Tat ist vollbracht.

„Jetzt ist der lokale Markt allerdings von Moskitonetzen überschwemmt. Dem einheimischen Hersteller wird die Geschäftsgrundlage entzogen. [...] Ein Beispiel für das Mikro-Makro-Paradox. Ein kurzfristiger wirksamer Eingriff kann erkennbare nachhaltige Langzeiteffekte haben."

(S. 44)

 

Die Fakten: Gerade das Beispiel Malaria zeigt, wie erfolgreich Entwicklungshilfe sein kann. Auch hier pickt sich Moyo ein kleines Negativbeispiel heraus und ignoriert die überwältigende Menge an positiven Beispielen. Im Gegensatz zu dem von ihr entworfenen Schreckensszenario boomt die Entstehung von Arbeitsplätzen in der Herstellung und Verteilung von Moskitonetzen in vielen afrikanischen Ländern - und dies nicht trotz, sondern dank der Entwicklungshilfe. Dank innovativer Partnerschaften zwischen Entwicklungshilfe und privatem Sektor sind Moskitonetze zudem heute viel wirksamer als früher. Die Olyset Net Factory im tansanischen Arusha startete als 50/50-Joint-Venture zwischen der japanischen Sumitomo Chemical Co. Ltd. und der in Arusha ansässigen Firma A To Z Textiles. Die Fabrik stellt ein wichtiges Gesundheitsprodukt her und stärkt zudem die lokale Wirtschaft. 3200 Afrikaner, mehrheitlich Frauen, arbeiten in der Fabrik, in der pro Jahr bis zu 10 Millionen Netze hergestellt werden können.[18] Die Übertragung dieser Modelle auf andere Länder würde nicht nur mehr Jobs und wirtschaftliche Möglichkeiten für Afrikaner schaffen, sondern auch dazu beitragen, die starke weltweite Nachfrage nach Moskitonetzen zu befriedigen. Führende Experten sind sich einig, dass sich Malaria als todbringende Krankheit bis 2015 ausrotten ließe. Dazu werden weltweit 730 Millionen Moskitonetze benötigt.[19] In mehreren afrikanischen Ländern wird mittlerweile auch erfolgreich Artemisin hergestellt. Dieser Stoff ist Hauptbestandteil des wichtigsten Medikaments gegen Malaria. Der Einsatz von Moskitonetzen und eine gezielte Behandlung im Verbund können eine enorme Verbesserung der Gesundheitslage bewirken.

Natürlich wird auch gezielte Hilfe für den langfristigen Aufbau der Gesundheitssysteme benötigt, wenn Afrika weitere Fortschritte machen soll. Die kurzfristige Bereitstellung von hilfsmittelfinanzierten Moskitonetzen muss durch den langfristig angelegten Aufbau von Systemen und die Ausbildung von Pflegepersonal ergänzt werden.

 

 

 

 


[1] UNAIDS/WHO. 2008. Towards Universal Access: Scaling up priority HIV/AIDS interventions in the health sector. (UNAIDS) und Weltgesundheitsorganisation (WHO). Quelle: http://www.who.int/hiv/pub/towards_universal_access_report_2008.pdf 

[2] UNAIDS. August 2008. 2008 Report on the Global AIDS Epidemic. S. 193. Quelle: http://www.unaids.org/en/KnowledgeCentre/HIVData/GlobalReport/2008/2008_Global_report.asp

[3] UNAIDS/WHO. 2008. Towards Universal Access: Scaling up priority HIV/AIDS interventions in the health sector. (UNAIDS) und Weltgesundheitsorganisation (WHO). Quelle: http://www.who.int/hiv/pub/towards_universal_access_report_2008.pdf 

[4] UNICEF and Roll Back Malaria. 2007. Malaria and Children: Progress in Intervention Coverage. Quelle: http://www.unicef.org/wcaro/SOAC-08-en-lores.pdf

[5] Weltgesundheitsorganisation. 2008. „Impact of long-lasting insecticidal-treated nets (LLINs) and artemisinin-based combination therapies (ACTs) measured using surveillance data, in four African countries." Quelle: http://www.who.int/malaria/docs/ReportGFImpactMalaria.pdf

[6] UNESCO. 2008. Education for All Global Monitoring Report. 2009. Tabelle 5. Quelle: http://unesdoc.unesco.org/images/0015/001547/154743e.pdf

[7] Summers L. H. 1994. aaO und Gage A., Sommerfelt E. und Piani A. „Household Structure and Childhood Immunization in Niger and Nigeria", Demography, 1997, 34 (2): 195-309

[8] Bei den 18 Ländern handelt es sich um Benin, Botswana, Burkina Faso, Kamerun, Kap Verde, Äthiopien, Gambia, Ghana, Mali, Mauritius, Mosambik, Namibia, Ruanda, São Tomé und Príncipe, Senegal, Sierra Leone, Tansania und Uganda.

[9] IMF. Oktober 2008. World Economic Outlook 2008. Quelle: http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2008/02/index.htm

[10] IMF. April 2008. World Economic Outlook 2008. Quelle: http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2008/01/

[11] IMF. Januar 2009. World Economic Outlook. Quelle: http://www.imf.org/external/pubs/ft/weo/2009/update/01/index.htm

[12] Third High Level Forum on Aid Effectiveness. September 2008. Accra Agenda for Action. Quelle: http://siteresources.worldbank.org/ACCRAEXT/Resources/4700790-1217425866038/AAA-4-SEPTEMBER-FINAL-16h00.pdf

[13]Internationale Entwicklungsorganisation. A better managed education system in Uganda. Quelle: http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/EXTABOUTUS/IDA/0,,contentMDK:21308931~menuPK:3266877~pagePK:51236175~piPK:437394~theSitePK:73154,00.html

[14] BBC News. 16. März 2009. „Downturn risks Africa conflict" http://news.bbc.co.uk/2/low/africa/7947321.stm

[15] http://unesdoc.unesco.org/images/0015/001547/154743e.pdf

[16]  PEPFAR. 2009 Annual Report to Congress: Highlights. Quelle: http://www.pepfar.gov/documents/organization/113878.pdf

[17]  PEPFAR. Latest Results. September 2008. Quelle: http://www.pepfar.gov/about/c19785.htm

[18] DFID. Net Benefits. Quelle: http://www.developments.org.uk/articles/net-benefits

[19] Roll Back Malaria. 2008. Global Malaria Action Plan. S.14. Quelle http://www.rollbackmalaria.org/gmap/gmap.pdf

 

 

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